bedeckt München 25°

Testfahrt:Länger unterwegs

Das Vello Bike+ ist leicht, es lässt sich falten und sein Akku soll wochenlang ohne Laden durchhalten. Das klappt aber nur bei der richtigen Fahrweise.

Von Felix Reek

Am Anfang steht erst einmal die Suche. Wo ist bloß der Anschluss für das Ladegerät? Bei der ersten Inbetriebnahme des Vello Bike+ muss es mit der dazugehörigen Smartphone-App verbunden werden. Die benötigt eine Bluetooth-Verbindung und diese wiederum ist nur aktiv, wenn das Pedelec am Strom hängt oder der Fahrer das Rad auf mindestens zehn Stundenkilometer beschleunigt und drei Umdrehungen rückwärts tritt. Der Preis dafür, dass das Bike+ kein eigenes Display besitzt. Nach verzweifeltem Blättern im Prospekt dann die Erkenntnis: Die Ladebuchse ist wirklich gut versteckt - hinter einer Kappe an der Achse, die sich abschrauben lässt.

Am Prozedere danach ändert das nichts. Sobald das Rad nicht mehr am Ladegerät hängt, verliert es die Verbindung. Also aufsteigen, beschleunigen, dreimal in entgegengesetzter Richtung treten und das Rad erscheint in der App. Keine optimale Lösung, aber nach einer Weile gewöhnt sich der Fahrer daran.

Das Besondere am Vello Bike+ ist neben seinem patentierten Faltmodus, der das Pedelec auf die Größe einer Getränkekiste zusammenschrumpfen lässt, aber sowieso etwas völlig anderes: Der Hersteller wirbt damit, dass sich sein Fahrrad selbst auflädt. Wobei das missverständlich formuliert ist. "Nein, nein, nein, nein, nein", sagt Valentin Vodev, der Erfinder des Vello Bike+, deswegen auch ganz schnell am Telefon - es gehe auf keinen Fall darum, den Akku komplett aufzuladen, sondern die elektrische Fahrzeit zu verlängern.

Möglich ist das durch Neigesensoren im Vello Bike+, die erkennen, ob es bergauf, bergab oder geradeaus geht. "Das Rad weiß, wo man sich befindet, und gibt die richtige Unterstützung", erklärt Vodev. Bremst der Fahrer oder rollt bergab, lädt sich der Akku auf. Eine weitere Möglichkeit ist das Rückwärtstreten während der Fahrt. Das aktiviert eine leichte Bremswirkung und sorgt für weitere Rekuperation. "Wenn man mit dem Turbo-Modus fährt, kriegt man bis zu 30 Prozent Energie zurück", erklärt Vodev. Das ist der stärkste der sechs Modi des Pedelecs. Der Motor, der vom italienischen Zulieferer Zehus stammt und zusammen mit dem Akku an der Hinterachse sitzt, beschleunigt dann bis auf 25 km/h. Die Reichweite liegt bei 30 bis 50 Kilometern. Was natürlich nicht viel ist im Vergleich zu anderen Pedelecs.

Das Faltrad Vello Bike+ kostet mindestens 2590 Euro. Die Version in Titan (hier im Bild) ist noch mal teurer: Los geht es bei 3990 Euro.

(Foto: Vello)

Mehr wird es in der Spar-Variante Bike+, in der App durch einen grünen Tannenbaum zu erkennen. "Wir nennen das den Hybrid-Modus", sagt Vodev. Der Motor leistet dann im Schnitt 60 Watt und unterstützt den Fahrer nur bergauf und beim Anfahren. Auf geraden Strecken ist er mit Muskelkraft unterwegs. Wer also den elektrischen Schub und die Unterstützung von Pedelecs liebt, wird mit dieser Fahrweise nicht glücklich werden. Der "Bike+"-Modus ist eher zum gemächlichen Dahingleiten im Stadtverkehr gedacht und zwischen den Ampeln heißt es fleißig rückwärts treten, um Energie zurückzugewinnen. Der Vorteil: Statt permanent dabei zuzuschauen, wie die elektrische Reichweite schrumpft, bleibt sie konstant beziehungsweise steigt leicht an.

Zum Rasen war das Faltrad von Vello aber sowieso nie gedacht. 2010 wollte Valentin Vodev mit Freunden Kuba bereisen. Die Idee: unabhängig vom Auto mit dem eigenen Rad unterwegs sein. Also baute der gelernte Industriedesigner ein paar Prototypen eines Faltrads und steckte sie zum Transport im Flugzeug in den Karton eines Flachbildfernsehers. Die Erfahrungen der Reise brachten ihn auf die Idee, ein Serienmodell zu entwickeln, das 2015 auf den Markt kam. 2018 folgte das Pedelec, dessen Rahmen aus Chromoly-Stahl besteht und in Taiwan hergestellt wird, die Endmontage findet in Wien statt.

Konstruktionsbedingt hat das Vello seine Stärken in der Stadt. Hier gleitet es durch den Verkehr, das Fahrgefühl ist angenehm, wenngleich nicht ganz so gut wie bei einem Rad normaler Größe. Durch die lange Lenk- und Sattelstange ist die Verteilung des Gewichts auf dem Rahmen anders, die schmalen 20-Zoll-Reifen bieten weniger Grip. Das zeigt sich besonders abseits von befestigten Straßen, wo es auf dem Vello Bike+ ziemlich holprig wird und die Reifen immer wieder wegrutschen.

Vor allem in der Stadt spielt das Faltrad seine Stärken aus.

(Foto: Vello)

Dafür hat das Rad andere Vorteile: Wer längere Entfernungen zurücklegen und trotzdem nicht auf ein Fahrrad verzichten will, kann das Pedelec in wenigen Sekunden zusammenklappen und mit seinen 13,9 Kilogramm in die Bahn tragen oder im Auto transportieren. Dazu muss der Fahrer die Schraube an der Vordergabel lösen, so dass diese umschwenkt. Dann den Sattel hochziehen, die Hinterachse klappt ein, die Sattelstange einfahren, fertig. Wer es noch kleiner will, kann noch die zwei Schnellspanner am Lenker öffnen.

Günstig ist das Pedelec allerdings nicht. Die elektrische Version startet bei 2590 Euro, die Variante mit Riemenantrieb ist 400 Euro teurer. In beiden Fällen gibt es nur einen Gang, der ab einem Tempo von 20 Kilometer pro Stunde an seine Grenzen kommt, weil der Fahrer dann eigentlich immer zu schnell tritt. Ein weiterer Gang ist optional und kostet 500 Euro Aufpreis.

Damit bewegt sich das Vello aber noch im marktüblichen Rahmen. Das ML6D Electric vom Konkurrenten Brompton zum Beispiel liegt bei 3200 Euro und bietet die weitaus weniger raffinierte technische Lösung. Hier sitzen die Batterien in einem Rucksack am Lenker. Und wieder aufladen lässt sich das Faltrad beim Fahren auch nicht. Beziehungsweise: die Fahrtzeit verlängern. So überzeugend kann das bisher nur das Vello aus Wien.

© SZ vom 04.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite