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Spezialfahrzeuge:Gelbwurst im Rotlicht

Auf Wochenmärkten präsentieren Händler ihre Produkte in speziellen Verkaufsfahrzeugen. Deren Innenausstattung wird in der Regel maßgeschneidert - von der Kühltheke bis zur Beleuchtung.

Von Joachim Göres

Matjesfilet, Makrelen, Heilbutt, Bratheringe, dazu Salate und Dips und vieles mehr - wer Fisch mag, der ist bei Volker Uelschen richtig. Und er muss auch gar nicht zu seinem Betrieb nach Rehburg-Loccum am Steinhuder Meer fahren, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Hannover gelegen. Denn Uelschen verkauft seinen Fisch auf Wochenmärkten in der gesamten Region. Fünfmal pro Woche ist der Fischhändler mit seinem Renault Master unterwegs, legt dabei 500 Kilometer zurück. "Ich hatte früher einen Anhänger, der auf dem Wochenmarkt vom Zugfahrzeug abgekoppelt wurde, für das man dann noch einen Parkplatz suchen musste", erzählt der 58-Jährige. Doch davon kam er irgendwann ab und legte sich den Kastenwagen von Renault als rollenden Marktstand zu. "Ein Selbstfahrer ist teurer, aber alles ist viel einfacher und auch das Fahren ist viel bequemer als mit einem Anhänger", sagt er.

Demnächst will er seinen sechs Jahre alten 3,5-Tonner in Zahlung geben und sich dafür einen neuen Transporter mit viereinhalb Tonnen Gesamtgewicht kaufen, der ein Meter länger ist: "Dann habe ich mehr Platz für neue Feinkostspezialitäten und kann mehr Ware mitnehmen." Bodenheizung für den Verkaufsraum, Fernseher, Kühlschränke - auf diesen "Schnickschnack" verzichtet Uelschen bei der Ausstattung, dennoch wird er etwa 100 000 Euro für das größere Fahrzeug ausgeben müssen. Für den Familienbetrieb eine Investition in die Zukunft.

Die leistet er sich nur, weil er darauf setzt, dass Tochter Jenni weiterhin ans Steuer darf - während Vater Uelschen mit seinem alten Pkw-Führerschein bis zu 7,5 Tonnen schwere Fahrzeuge lenken darf (das gilt für alle bis einschließlich 1998 erworbenen Führerscheine der damaligen Klasse 3), muss seine Tochter erst noch ihre Fahrprüfung für die Führerscheinklasse C1 bestehen, um Fahrzeuge in der Gewichtsklasse zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen steuern zu dürfen. Viele Wochenmarkthändler, aber zum Beispiel auch Fahrer von Wohnmobilen, haben mit dieser Tücke des Führerscheinrechts zu kämpfen.

Bis zu 300.000 Euro kostet ein Verkaufsfahrzeug, viele Marktbeschicker setzen daher auf günstigere Anhänger.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und dennoch bieten überall auf Wochenmärkten Händler ihre Ware in rollenden Marktständen an. Die Aufbauten der Verkaufsfahrzeuge sind dabei meist Spezialanfertigungen, die meist aus einer kleinen Stadt zwischen Hamburg und Bremen stammen: In Rotenburg/Wümme gibt es mit Borco Höhns und Seico gleich zwei Hersteller von Marktfahrzeugen. Bei Seico werden jährlich rund 250 Stück gefertigt, der Wettbewerber Borco Höhns kommt auf jährlich 500 Fahrzeuge - und ist damit nach eigenen Angaben Marktführer.

"Unsere Branche ist ein Nischenmarkt", sagt Carlo Cordes, Gebietsleiter bei der Seico mobile Geschäfte GmbH. In diesem könne man nur wachsen, "indem man den wenigen anderen Herstellern Marktanteile abnimmt." Die Kunden hätten verschiedene Wünsche, was die Länge des Fahrzeugs, die Zuladelast, die Kühlung, das Material, die Art der Warenpräsentation oder die Beleuchtung betrifft, ergänzt sein Kollege Philipp Werksnies. Fischhändler zum Beispiel bevorzugen an der transparenten Verkaufstheke weißes Licht, Bäcker und Händler von Milchprodukten präsentieren ihre Waren lieber in einem gelblichen Ton, Fleischer wiederum setzen ihre Ware gerne mit einem rötlichen Licht in Szene.

Zudem werde es für die Markthändler immer schwieriger, junges Verkaufspersonal mit einem entsprechenden Führerschein zu bekommen. 3,5 Tonnen sind die magische Grenze. Bei Seico setzen sie deshalb auf spezielle Alutherm-Wände und andere Leichtbau-Komponenten, um das Gewicht möglichst gering zu halten. 90 Prozent der Aufbauten schrauben die Monteure auf Fiat-Modelle, auch nach Fahrgestellen mit E-Antrieb fragen die Kunden laut Werksnies hin und wieder nach. Doch noch sei das Angebot der Fahrzeughersteller überschaubar, "fast alle rollenden Marktstände sind Diesel", sagt Werksnies.

Aufbauen, abbbauen, dann wieder aufbauen: Ein Arbeitstag auf dem Wochenmarkt kann lang werden.

(Foto: Catherina Hess)

Ähnlich sieht es beim Konkurrenten Borco Höhns GmbH aus. Auch dort fertigen die Monteure die Fahrzeuge meist speziell nach Kundenwunsch. Auf der Fachmesse Fish International in Bremen präsentierte die Firma kürzlich einen 6,5-Tonner von Fiat - mit 178 PS, einer Innenlänge von sechs Metern, 1,5 Tonnen Zuladung und einer Imbisstheke - so kann Fisch auf Wochenmärkten vor den Augen der Kunden auch zubereitet und heiß verkauft werden. Kostenpunkt: 169 000 Euro.

Im Schnitt sei so ein Verkaufsmobil dann zwölf Jahre lang unterwegs, sagt Gebietsverkaufsleiter Michael Leininger und fügt hinzu: "Die meisten Markthändler kaufen sich nach etwa fünf Jahren ein neues Fahrzeug und geben ihr altes bei uns in Zahlung." Borco Höhns baut seine Aufbauten auf Fahrgestelle von Fiat, Renault und Peugeot - alles Marken mit Frontantrieb. Dadurch liegt das Verkaufsmobil flacher als bei einem Heckantrieb auf der Straße, der Einstieg ist niedriger. "Das ist für die Händler wichtig, denn sie wollen nicht von oben herab zu tief auf ihre Wochenmarktkunden blicken", sagt Leininger.

Nach einer schwierigen wirtschaftlichen Lage präsentiert sich Borco Höhns als erfolgreich saniertes Unternehmen. Auch Leininger blickt optimistisch in die Zukunft: "Gerade bei Food Trucks gibt es eine wachsende Nachfrage." Bei diesen hippen Imbissfahrzeugen spielt oft die Fahrzeugoptik eine große Rolle, um das Publikum anzuziehen, peppige Dekore und große Werbeflächen sind gefragt. Alles wird maßgeschneidert: Schranksysteme, Arbeitsplatzoberflächen, Kühltechnik, Verkleidungsblenden, Thekensysteme und die Elektroversorgung. Neue Verkaufsanhänger kosten bei Borco Höhns ab 30 000 Euro aufwärts, für neue Verkaufsmobile muss man bis zu 300 000 Euro zahlen.

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Nicht nur Lebensmittel werden über rollende Verkaufsstände offeriert.

(Foto: imago/Rust)

Summen, bei denen nicht wenige Marktbeschicker abwinken. "Wenn das Fahrzeug seinen Geist aufgibt, überlegen ältere Markthändler oft aufzugeben, wenn sie keinen Nachfolger haben und die Neuanschaffung eines Verkaufsmobils deswegen nicht lohnend erscheint", sagt Rüdiger Korte. Der Bio-Landwirt aus dem Landkreis Gifhorn in Niedersachsen verkauft das bei ihm angebaute Obst und Gemüse im eigenen Hofladen, zweimal wöchentlich fährt er auf den Wochenmarkt in Celle. Er hat für seinen gebrauchten, zehn Meter langen Anhänger vor Jahren 10 000 Euro bezahlt, auf dem Markt klappt er ihn auf 16 Meter Verkaufslänge aus.

Im Jahr kommt Korte zusammen auf 100 Markttage, an denen er jeweils 100 Kilometer zurücklegt - um 4.30 Uhr geht es morgens los, um 17 Uhr ist er wieder zurück. Ein langer Tag, an dem er und seine Wochenmarkt-Mitarbeiter Wind und Wetter ausgesetzt sind. Korte hat vollstes Verständnis für diejenigen, die es sich deshalb ein bisschen bequemer machen wollen: "Wer als Händler jeden Tag auf einem Wochenmarkt seine Waren verkauft, der entscheidet sich eher für einen Selbstfahrer, denn der ist schneller, wendiger und hat eine bessere Zuladung."

© SZ vom 09.05.2020
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