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Microsoft Flight Simulator:Hallo, Welt!

Flight Simulator

Raus trotz Reisewarnung: Über den virtuellen Wolken ist die Freiheit tatsächlich grenzenlos.

(Foto: Microsoft)

Gebirge, Gewitter, Giraffen: Mit dem neuen Flight Simulator von Microsoft können Hobbypiloten am Computer den gesamten Planeten erkunden. Nicht nur die Landschaft wird dabei immer realistischer.

Von Andreas Remien

Hoch über den Alpen brummt der Motor der Cessna wacker vor sich hin, die Abenddämmerung taucht die Gipfel und Wolken in ein sanftes Rot. Die Tragflächen wackeln leicht im Wind, die Maschine nimmt Kurs Südwest, Richtung Toskana, wenn der Sprit reicht, vielleicht noch bis zur Amalfiküste. Wenn es so etwas wie die Romantik des Fliegens gibt, dann manifestiert sie sich hier, vor dem PC-Bildschirm, mit dem neuen Microsoft Flight Simulator. Nach 14 Jahren Pause ist im August wieder eine neue Auflage eines der weltweit erfolgreichsten und ältesten Unterhaltungsprogramme erschienen.

Auch Bert Groner war schon mit dem neuen Simulator unterwegs. Er ist Chefredakteur des FS Magazins, einer Fachzeitschrift für Flugsimulation. "Die Darstellung der Landschaft ist sensationell", sagt Groner, "es ist alles da." Das ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch ein wesentlicher Baustein einer Flugsimulation: Denn im Sichtflug orientieren sich Piloten an markanten Punkten in der Landschaft, also etwa an Bergen oder Flüssen, aber auch an Straßen, Siedlungen, Stromleitungen oder Kraftwerken. Die Softwareentwickler müssen daher nicht weniger als die ganze Welt nachbauen.

Am Anfang sah die Grafik wie eine krakelige Kinderzeichnung aus

Anfang der Achtzigerjahre, als Microsoft die ersten Versionen seines Flight Simulators veröffentlichte, passte die Welt noch auf ein paar Disketten. Die Welt, das waren 1982 allerdings auch nur 20 Flughäfen in Nordamerika. Die Landschaft bestand aus flachen, einfarbigen Polygonen, die über den Bildschirm ruckelten - die frühe Simulatorwelt sah aus wie eine krakelige Kinderzeichnung und machte Geräusche wie ein kaputter Heizlüfter. "Da hat man dann eben sehr viel Fantasie gebraucht", sagt Groner. Vorstellungsvermögen braucht man mit dem neuen Simulator nicht mehr. "Das alles kommt der Realität schon sehr nahe", sagt Groner. Wer etwa einen Abstecher nach Afrika macht, kann von oben sogar Giraffen beobachten.

Verantwortlich für die Transformation der echten in die digitale Welt ist Jörg Neumann, Flugsimulator-Chef bei Microsoft. Wer mit ihm ein Videotelefonat führt, sieht in seinem Büro in Seattle alle früheren Versionen des Flight Simulators im Regal stehen. Der Entwickler weiß, warum heute die Welt in einem Detailgrad simuliert werden kann, der früher für unmöglich gehalten wurde. "Es stehen unglaublich viele Daten zur Verfügung", sagt Neumann. Und das heißt zunächst einmal: Satellitenbilder und Luftaufnahmen aus Flugzeugen. So basiert die Welt des Flight Simulators vor allem auf Daten des unternehmenseigenen Dienstes Bing Maps. Um aus den Fotos dreidimensionale Gebäude zu formen, haben die Entwickler komplexe Algorithmen entwickelt. Mehr als 1,5 Milliarden Gebäude, 37 000 Flughäfen oder drei Billionen Bäume lassen sich schließlich nicht per Hand bauen. Und so entsteht die Simulatorwelt in einer langen digitalen Produktionskette, die hochautomatisch aus den verschiedensten Quellen die Landschaft formt. Die künstliche Intelligenz berechnet zum Beispiel aus der Länge eines Schattens, wie hoch ein Gebäude ist.

Microsoft Flight Simulator

Die Cockpits sind bis ins kleinste Detail nachgebildet.

(Foto: Microsoft)

Auch das Projekt Open Street Map (OSM), in dem Nutzer weltweit eine riesige Weltkarte erstellen, gehört zu den Quellen. Das Ergebnis der Algorithmen ist beeindruckend, aber nicht fehlerfrei. Ob in Wuppertal oder Washington: Einige Gebäude fehlen, andere sind viel zu hoch.

An manchen Stellen liegt Schnee, mitten im August. Insgesamt, sagt Neumann, bestehe die Welt des Flugsimulators etwa aus zwei Petabyte Daten. Um diese Menge zu speichern, bräuchte man etwa 400 000 herkömmliche DVDs - viel zu viel, um sie auf einem normalen PC zu speichern. Der Flight Simulator streamt die Umgebung daher (am besten über eine schnelle Internetverbindung) passgenau auf den Rechner - je nachdem, wo sich der Pilot gerade befindet. Neben der Szenerie werden auch der reale Flugverkehr und das aktuelle Wetter in die virtuelle Welt übertragen. Wenn es also draußen blitzt, donnert der PC am Schreibtisch gleich mit. Kurz nach Veröffentlichung des Simulators steuerten PC-Piloten ihre Maschinen über dem Atlantik in Richtung eines Hurrikans, was eine ziemlich turbulente Angelegenheit wurde. Immer wieder stürzten die Maschinen in den grauen Wolkenschwaden bei nahezu null Sicht in Luftlöcher und wurden durch den Sturm zur Seite gepeitscht.

Schnelle Action ist wenig gefragt

Doch die Episode täuscht: Schnelle Action ist nicht unbedingt die Welt des Flugsimulators. "Beim Starten und Landen ist der Pilot gefordert", sagt PC-Pilot Groner, "aber dazwischen passiert ja nicht allzu viel." Instrumente überwachen oder die Flugroute im Blick behalten: Über den Wolken geht es meist eher gemütlich zu. Wahrscheinlich ist auch das ein Grund, warum die virtuelle Fliegerei in den vergangenen Jahren kaum neue Piloten angezogen hat. "Wir haben ein massives Nachwuchsproblem", sagt Groner, "der neue Flight Simulator ist im Grunde unsere letzte Chance."

Gelingen könnte das, so die Hoffnung, mit der schönen, neuen Welt, in der man sogar sein eigenes Wohnhaus finden kann. Microsoft hat den Simulator außerdem zugänglicher für Anfänger und Gelegenheitsspieler gemacht - und versucht damit einen durchaus kritischen Spagat. Denn es gibt (mit allen Schattierungen dazwischen) zwei Pole von Nutzern, die sich grundsätzlich suspekt sind.

Auf der einen Seite die "Gamer", die im Grunde einfach nur Gas geben und losfliegen wollen. Auf der anderen Seite die "Flightsimmer", die das Hobby in den vergangenen Jahren geprägt haben und - oft mit einiger Ernsthaftigkeit - die realen Abläufe der Fliegerei so wirklichkeitsgetreu wie möglich abbilden möchten. Ihnen kann es gar nicht realistisch genug sein. Das fängt schon vor dem Start an. "Ein Flugsimulant möchte zum Beispiel in einem kalten und dunklen Flugzeug beginnen", sagt Groner. Also in einem Flieger, in dem noch alles ausgeschaltet ist. Vom Strom bis zur Beleuchtung: Vor allem in größeren Flugzeugen braucht es viele Schalter und Zeit, um den Jet überhaupt betriebsbereit zu machen. Dann kommt noch eine Flugplanung hinzu, die sich an realen Verfahren und Routen orientiert. Bis der Flieger in der Luft ist, "kann es schon mal eine Stunde dauern", sagt Groner. Während der Flightsimmer am Boden noch seine Checklisten abarbeitet, ist der Gamer oft schon wieder gelandet.

Microsoft Flight Simulator

Auch das ist möglich: Mit einem Doppeldecker unterwegs an der US-Westküste.

(Foto: Microsoft)

Hobby-Lotsen kommunizieren mit Hobby-Piloten

Zum möglichst wirklichkeitsnahen Erlebnis gehört auch die Überwachung des virtuellen Luftraums, in dem Hobby-Lotsen die PC-Piloten durch die Luftstraßen leiten. Wer mitmachen will, muss sich erst mal einarbeiten, zum Beispiel die richtige Phraseologie ("cleared for take-off") und natürlich die internationale Buchstabiertafel (Alpha, Bravo, Charlie...) lernen. Hinzu kommt die passende Ausstattung für den Schreibtisch: Mit mehreren Monitoren und Schubreglern bauen manche Enthusiasten zu Hause sogar kleine Cockpits nach.

In den vergangenen Jahren haben Fans außerdem unzählige neue Flugzeuge und Flughäfen programmiert. Denn im Flight Simulator sind zwar die ganze Welt und jede Menge Flugzeuge enthalten, aber oft nicht bis ins letzte Detail umgesetzt. Diese Nische nutzt auch das Paderborner Unternehmen Aerosoft, das solche Zusatzinhalte vertreibt. Dazu gehören zum Beispiel hochdetaillierte Flughäfen, die oft anhand mehrerer Tausend Fotos und Pläne in Handarbeit erstellt werden, damit am Ende auch in der Simulation der Sonnenschirm auf der Besucherterrasse die richtige Farbe hat. Wer will, kann sogar schon auf dem neuen Berliner Flughafen landen - den haben die Softwareentwickler schon vor sieben Jahren fertiggestellt. Besonders beliebte Zusatzinhalte sind Flugzeuge, allen voran die bekannten Modelle von Airbus und Boeing. "Das sind extrem komplexe Produkte", sagt Aerosoft-Chef Winfried Diekmann. So lässt sich im Cockpit eines Aerosoft-Airbus zum Beispiel fast jeder Schalter betätigen, den es auch im echten Flugzeug gibt. "Unseren Kunden ist wichtig, dass die Airliner bis in kleinste Details simuliert werden", sagt Diekmann, "da muss jede Schraube passen."

Auch der Flight Simulator selbst soll in den kommenden Jahren noch weiter entwickelt werden. "Es ist ein Zehn-Jahres-Projekt", sagt Neumann. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Stetig hält der Simulator-Chef Ausschau nach neuen Datenquellen. So könnte zum Beispiel in Zukunft der reale Schiffsverkehr auf den Meeren und Flüssen dargestellt werden. "Da ist die Datenlage sehr gut", sagt Neumann. Ganz im Gegensatz übrigens zur Eisenbahn, "da ist sie leider sehr schlecht". Von der Nasa könnten aktuelle Daten über das Packeis in den Simulator eingespeist werden. "Wir können uns auch vorstellen, echte Jahreszeiten zu implementieren" - also etwa mit Seen, die im Winter zufrieren. Oder Zugvögeln, die im Herbst in den Süden ziehen. Das kann der Simulator bisher nicht.

So wird der Flug- immer mehr zu einem Welt-Simulator, der ungewollt perfekt in die Zeit passt: In der Pandemie liefert er ein Stückchen Freiheit, zumindest am Bildschirm. Ob Turbulenzen über Madeira oder blauer Himmel über Griechenland: Im Internet berichten viele Nutzer von ihren Ausflügen. So wird der virtuelle Flug zum digitalen Eskapismus. PC-Pilot Groner ist zwar am liebsten mit großen Maschinen in großen Höhen unterwegs. Nun will er sich aber häufiger mit einem kleinen Flugzeug die neue Simulator-Welt anschauen, ganz ohne Stress, oder, wie er es sagt, "low and slow".

© SZ vom 29.08.2020/reek
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