Digitale Entwicklung Volle Cloud voraus

Die neuen Technologien ändern so manches in der Automobilbranche: Quereinsteiger bekommen große Chancen. Die in der Branche üblichen Hierarchien akzeptieren die Neuen jedoch nicht unbedingt.

Von Joachim Becker

Eine Stimme zum Verlieben: Samantha nennt sich das Computersystem mit dem einfühlsamen Wesen. Was in dem Film "Her" von 2013 aus der Bordelektronik tönt, ist ein verstörender Ausblick auf eine gar nicht so ferne Zukunft: Aus Liebeskummer installiert Theodore Twombly die digitale Assistentin auf seinem Rechner. Das intelligente IT-System lernt schnell und nimmt immer menschlichere Eigenschaften an. Die Science-Fiction hat durchaus Realitätsgehalt: Stereotype Suchabfragen und standardisierte Services sollen sich schon bald zu einer nahtlosen Beziehung von Mensch und Computer weiterentwickeln.

Neben den Internet-Firmen arbeiten auch Autohersteller an digitalen Geschöpfen wie Samantha. Audi nutzt zum Beispiel die Abkürzung Pia für eine "persönliche intelligente Assistentin", die fast alles kann außer Kaffee kochen. Wie eine Sekretärin soll sich Pia demnächst um die Bedürfnisse des Autofahrers kümmern. Sie hat den Füllstand des Tanks, das Fahrtziel, den Terminkalender und vor allem das Verhalten des Fahrers im Blick. Wenn er abends auf dem Heimweg vom Büro regelmäßig seine Freundin anruft, merkt sich Pia solche Gewohnheiten genauso wie den Lieblingssender im Radio, die Lieblingsrestaurants und die bevorzugten Tankstellen.

Digitale Assistenten wie Pia wissen alles. Auch, wen der Fahrer auf dem Heimweg anrufen will

Bisher ist Pia nur eine Ideensammlung der Audi-Entwickler. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll das personalisierte digitale Ökosystem sukzessive in Serie gehen. BMW ist in Bezug auf solche Zusatzangebote einen Schritt weiter: "Noch vor ein paar Jahren liefen Auto- und IT-Branche nebeneinander her", sagt BMW-Vorstand Peter Schwarzenbauer, "nun ist es so, dass sich im Silicon Valley jedes zweite Start-up-Unternehmen mit Fragen der Mobilität beschäftigt." Das Auto soll zum ultimativen mobilen Endgerät im Internet der Dinge werden, deshalb drängen Apple, Google & Co mit ihren Smartphone-Services in das Kombiinstrument. Die Fahrzeughersteller starten ihrerseits eine Aufholjagd beim Know-how über Internetplattformen und Kundenbetreuung rund um die Uhr. Denn wer die Lufthoheit über möglichst viele private Daten hat, profitiert maßgeblich vom Kaufverhalten des Konsumenten.

Entsprechende Geschäftsmodelle der Internetbranche rechnen nicht mit Tausenden, sondern mit Abermillionen von Nutzern. Sie lassen sich per Smartphone oder Updates-over-the-air nicht nur in Neuwagen, sondern auch in der bestehenden Flotte nachrüsten. Das Beratungsunternehmen McKinsey sieht für neue Konnektivitätsdienste und Mobilitätslösungen goldene Zeiten voraus. Dadurch werde sich der Umsatz der Autoindustrie bis 2030 von drei Billionen Euro auf fast sieben Billionen steigern. Das Wachstum aus dem Autoverkauf werde sich hingegen von vier auf zwei Prozent pro Jahr halbieren. Solche Aussichten locken nicht nur neue Wettbewerber an, sondern stellen auch alte Spielregeln in der Autobranche in Frage. Denn in den neuen Geschäftsfeldern zählt vor allem Geschwindigkeit.

BMW hat deshalb die Entwicklung neuer integrierter Services zur Kernkompetenz erhoben. Maßgeschneiderter Komfort lautet das Produktversprechen der neuen digitalen Dienste: "Mit BMW Connected kommt der Nutzer pünktlich und stressfrei an", erklärte BMW kategorisch bei der Europa-Premiere von BMW Connected vor wenigen Wochen. Hinter dem Service-Angebot steckt kein externer Dienstleister, sondern ein BMW-eigenes Team mit rund 200 Entwicklern. Den 70-köpfigen Kern der Digitaltruppe konnten die Münchner aus den Trümmern des einstigen Mobilfunk-Marktführers Nokia rekrutieren. Mit perfektem Timing übernahm BMW beinahe die gesamte Entwicklermannschaft für Internetplattformen, bevor sie zu Microsoft nach Seattle umziehen sollte.

In nur einem Jahr hat die eingespielte Ex-Nokia-Mannschaft eine Cloud-basierte, flexible Service-Architektur für BMW konzipiert und ausgearbeitet. Einer der führenden Köpfe der Digitaltruppe ist Thom Brenner - auch er kommt von Nokia. Vice President Digital Life and Research and Development Digital Services BMW Group lautet nun sein Titel.

Das lockere Auftreten des Digital-Entwicklungschefs macht typische Hierarchiemuster in der Autoindustrie schnell vergessen: "Ich hatte von 2000 bis 2009 mein eigenes Start-up. Als Entwicklungsdienstleister haben wir zum Beispiel grundlegend an der Technologie für Panorama-Kameras gearbeitet, die es heute auf jedem neuen iPhone gibt", sagt der 46-Jährige. "2009 bin ich dann zu Nokia gegangen, um die ortsgebundenen Location Services für den Kartendienstleister Here mit aufzubauen."

Aufbau, Transformation und Beschleunigung sind wiederkehrende Begriffe im Gespräch mit Thom Brenner. "Ich habe in vielen Positionen, auch als Leiter der Consumer-Dienste von Nokia Here, Aufbauarbeit geleistet. Da gewöhnt man sich einfach daran, erst einmal neue Strukturen zu schaffen." Aus Visionen Businesspläne zu machen gehört genauso zu seinem Job wie die richtigen Leute zu finden - das sei in einem Start-up nicht grundsätzlich anders als in einem Weltkonzern, meint Thom Brenner. "Klar ist aber auch: Diese Transformation in einem so erfolgreichen Unternehmen wie BMW und in einer für mich neuen Branche einzuleiten, ist die nächstgrößere Herausforderung." BMW ist das größte Unternehmen, in dem der Digitalexperte bislang gearbeitet hat. Und das Produkt ist wesentlich komplizierter und anspruchsvoller als ein Mobiltelefon.

"Die Fahrzeugentwicklung wird sich verändern und schneller werden, aber die Sicherheit der Kunden wird auch künftig im Mittelpunkt stehen", sagt Thom Brenner. Vor seinem Wechsel von Nokia zu BMW im September 2014 hatte er nie über eine Berufsperspektive in der Automobilindustrie nachgedacht. Gerade in Zeiten des Umbruchs sind die Erfahrungen von Quereinsteigern jedoch hoch willkommen. "Bei BMW arbeiten ja schon sehr viele Informatiker, aber die Abläufe bei der Entwicklung eines Autos inklusive der Software sind völlig andere als bei BMW Connected." Tempo ist alles in der IT-Branche. Bei Internetplattformen haben sich Firmen wie Apple und Google sowie die chinesischen Tech-Giganten Baidu, Alibaba und Tencent an die Spitze gearbeitet. Die Zweitplatzierten sind schon die ersten Verlierer im schnelllebigen Geschäft mit den Datendiensten.

Für die Profis aus der Konsumentenelektronik sind die langen Modellzyklen der Autobranche ebenso ungewohnt wie die extrem aufwendigen Entwicklungsprozesse. Statt Jahre im Voraus zu planen und alle Fehler im Voraus zu vermeiden, setzen die Digitalexperten auf schnelles Kunden-Feedback und ebenso rasche Produktanpassungen. Die Fehlerbehebung durch regelmäßige Software-Updates ist Standard - eine schnelllebige Lernkultur, an die sich die Null-Fehler-Qualitätssicherer der Autoindustrie erst noch gewöhnen müssen. Auch bei der Produktplanung treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Autos blieben bisher meist unverändert, nachdem sie vom Fließband gerollt waren. Jetzt sollen sie sich durch Software-Updates ständig weiterentwickeln.

"Das ist eine sehr spannende Frage: Wie stellen wird uns flexibel genug auf, um künftige Kundenbedürfnisse zu erfüllen, die ich heute womöglich noch gar nicht kenne?" Die Antwort ist für Thom Brenner klar: "Da muss man eine klare Vision haben und Dinge auch kürzer vor einer Produktpremiere entscheiden, als es bisher in der Autoindustrie üblich ist."

Tempo, Tempo, Tempo: Als schnelle Beiboote können die digitalen Dienste einen Kurswechsel bei den großen Tankern der Automobilindustrie einleiten. Nur so werden diese im Wettbewerb mit den Tech-Firmen des Silicon Valley und aus China eine Chance haben. Dann werden künftig wohl auch einfühlsame persönliche Assistenten in unsere Autos einziehen.