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Lesen nach Fahrplan:Warum die Zukunft vieler Bücherbusse ungewiss ist

Seit mehr als 50 Jahren versorgt der Augsburger Bücherbus die Einwohner der Außenbezirke der Stadt mit Lesestoff.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Bücherbusse haben eine lange Tradition und sind noch immer gefragt. Um die Angebote zeitgemäß weiterzuentwickeln, fehlt vielen Kommunen nicht nur das Geld.

Das Motto passt. Es steht groß auf der Außenwand der Fahrbücherei des Landkreises Celle: "Wir kommen Ihnen entgegen." Der zwölf Meter lange und zweieinhalb Meter breite Mercedes-Benz-Bus fährt alle zwei Wochen 95 Haltestellen in Dörfern am Rande der Lüneburger Heide an, pro Jahr ist er gut 18 000 Kilometer unterwegs. Etwa 4000 Medieneinheiten wie Bücher, Zeitschriften, Kinderhörspiele, Hörbücher und Spiele stehen in den Regalen für die Entleiher bereit. Große Erwachsene müssen bei einer Stehhöhe zwischen 1,80 Meter und zwei Meter mitunter ihre Köpfe einziehen, doch das passiert selten. "In den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert", sagt Fahrbüchereileiter Johannes von Freymann. "Leser mittleren Alters kommen kaum noch, Sachbücher sind wenig gefragt." Und Nachschlagewerke gebe es auch keine mehr, "dafür bieten wir viel mehr Bücher für Kinder an".

Mobile Büchereien gibt es in vielen Kommunen, nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern. Meist sind es speziell eingerichtete Fahrzeuge, mit Rollstuhllift, Besucherzählanlage, Einstiegskamera, Serviceplatz zum Entleihen von Büchern, Sitzecke und Toilette - und einem Schwerlastaufzug für Bücherkisten. "Mitte der Neunzigerjahre gab es bundesweit 155 Bücherbusse, heute sind es 89", sagt Freymann, der auch Vorsitzender der Fachkommission Fahrbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband ist. Vor allem in Ostdeutschland hätten es viele Kommunen nicht geschafft, einen kaputten Bücherbus durch einen neuen zu ersetzen.

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Vor diesem Problem steht gegenwärtig auch die Stadtbibliothek Saarbrücken, deren MAN-Bücherbus mehr als 30 Jahre alt ist. Er wird immer reparaturanfälliger und ist derzeit monatlich nur noch an zwölf von eigentlich vorgesehenen 20 Tagen unterwegs. In manche Umweltzone darf er nur per Sondergenehmigung rein. Bibliotheksleiter Gerald Schleiwies hofft, das Dieselfahrzeug bald durch einen E-Bücherbus ersetzen zu können, wenn sich die französischen Nachbarstädte Forbach und Sarreguemines an den Kosten beteiligen. Der Bus würde dann Schulen auf beiden Seiten der Grenze ansteuern.

Aber auch im Bus soll sich nach Schleiwies' Plänen einiges ändern: "Es geht darum, die Sprachkompetenz zu erhöhen", sagt er. So soll das Personal künftig aus beiden Ländern kommen und zweisprachig sein. "Im Bus bieten wir künftig 2000 und nicht mehr wie bisher 4500 Medieneinheiten an. Dafür haben wir mehr Platz für Aktionen mit Musik, Spielen und Zeichnen", erklärt der Bibliotheksleiter.

Es wäre der erste elektrisch betriebene Bücherbus in Deutschland, dessen Aufbau vom finnischen Unternehmen Kiitokori hergestellt werden soll - wenngleich die Stadtverwaltung betont, dass eine Ausschreibung oder gar eine Auftragsvergabe für einen solchen Bus noch nicht erfolgt ist.. Laut Kiitokori-Technikspezialist Lutz Steiner hängt es vom Einsatz ab, welche Antriebsart am sinnvollsten ist. "Bei langen Strecken ab 10 000 Kilometer im Jahr und mindestens einer monatlichen Fahrt von einer Stunde ohne Unterbrechung bleibt der Diesel die erste Wahl. Busse mit Gasantrieb können sinnvoll sein, wenn Methan vor Ort erzeugt wird. Bei kurzen Strecken ist der E-Bus nicht schlecht", sagt Steiner, dessen Arbeitgeber bis heute 700 Fahrbibliotheken für Auftraggeber aus ganz Europa gefertigt hat. Nach seinen Angaben ist ein E-Bücherbus rund 300 000 Euro teurer als ein Diesel-Bücherbus, der mit etwa einer halben Million Euro zu Buche schlägt.

Eine andere Neuerung ist seit Kurzem in Hannover zu sehen: Dort fährt ein Sattelauflieger in die Stadtteile. Er ist mit 16 Metern deutlich länger als der übliche Bücherbus. Die zusätzliche Fläche wird nicht für ein größeres Medienangebot genutzt, sondern es gibt mehr Sitzgelegenheiten für Veranstaltungen und eine Leinwand für Filmvorführungen. Allerdings können einige der bisherigen Haltepunkte wegen der größeren Länge nicht mehr angefahren werden, dafür finden sich nun neue Stationen im Fahrplan. Jetzt stehen auch W-Lan und Computerarbeitsplätze für die Nutzer bereit - Letzteres ist in Bücherbussen nicht die Regel. Die Hauptnutzer seien Kinder, "deswegen haben wir bei der Einrichtung ihre Sichthöhe berücksichtigt und Stoßkanten vermieden", sagt Detlef Berkenhoff vom Aufbauhersteller Berger Karosserie- und Fahrzeugbau aus Frankfurt/Main. Es gibt stoßresistente Oberflächen, viel Holz und Kunststoff ist zu sehen, wenig Metall. So ein Bücherbus muss lange halten. Der Vorgängerbus in Hannover war 32 Jahre auf der Straße.

Zunehmend werden Transporter bis 7,5 Tonnen eingesetzt, die wie in der Juniorbibliothek Herne etwa ausschließlich Kinder- und Jugendbücher mitführen. "Solche Fahrzeuge fahren in Berlin auf die Schulhöfe. Die schweren Bücherbusse dürften dort gar nicht rauf", sagt Verbandssprecher Freymann. In Münster und vielen anderen Städten kommen Lkw mit Aufbau als rollende Bibliothek zum Einsatz.

Insbesondere auf dem Land aber fallen vielerorts Angebote weg. Im Landkreis Cuxhaven in Niedersachsen etwa wurde vor 15 Jahren der zweite Bücherbus gestrichen, ein Drittel aller Haltestellen konnten nicht mehr bedient werden. Heute werden noch 30 Kindergärten und 25 Grundschulen alle zwei Wochen vormittags besucht, die Klassen kommen mit ihren Lehrern während des Unterrichts in den Bus und stöbern in den Regalen. "Wir können nicht alle Einrichtungen anfahren, die wollen, dass wir zu ihnen kommen", bedauert Leiterin Katrin Toetzke. Nachmittags steht der Bus in Dörfern ohne eigene Bücherei, dann kommen Senioren und Familien mit Kindern. Insgesamt legt der Bus im Jahr mehr als 31 000 Kilometer zurück.

Neue Busse brauchen auch modernere Inhalte

Der Fahrplan hängt nicht nur von der Anzahl der Bücherbusse ab. Im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree beispielsweise wird der Bücherbus vom kommenden Jahr an länger unterwegs sein, weil dort ein zweiter Busfahrer eingestellt wurde. Der bisherige Fahrer Edgar Bunde freut sich, dass der in diesem Jahr angeschaffte Bus nun gefederte Sitze hat. Wie lange der Bus wohl halten wird? "Das hängt von den Straßen ab, auf denen wir fahren, und die sind auf vielen Strecken nicht im besten Zustand", sagt Bunde.

Diskutiert wird in einigen Kommunen, Bücherbusse besser technisch auszustatten, damit Nutzer zum Beispiel 3-D-Drucker oder andere moderne Technik ausprobieren können. In Skandinavien werden Bücherbusse in abgelegenen Regionen mitunter auch dafür genutzt, Bewohner mit Lebens- und Arzneimitteln zu versorgen. "Der Bücherbus bringt Menschen zusammen", sagt der Bibliotheksberater Andreas Mittrowann. "Der Fokus wird sich weg vom Medienangebot hin zum sozialen Angebot verschieben." In vielen Städten wurden geschlossene Bücherei-Zweigstellen durch Bücherbusse ersetzt. Allerdings sind sie samstags meist nicht unterwegs.

Die Schriftstellerin und Journalistin Hatice Akyün jedenfalls ist froh, dass es in ihrer Jugend einen Bücherbus gab. "Ohne den Bücherbus in unserem Viertel in Duisburg hätte ich nicht so gut Deutsch gelernt und mein Leben wäre anders verlaufen." Der neue Duisburger Bücherbus, ein Volvo mit einem Aufbau von Kiitokori, ist besonders auffällig: Seit dem Jahr 2017 finden sich an den Außenwänden des Fahrzeugs Porträts und Zitate, etwa von Charles Dickens: "Ich brauche Informationen. Eine Meinung bilde ich mir selber." Fahrbibliotheksleiter André Behrendt sagt: "Insbesondere in sozial schwächeren Stadtteilen zeigt sich, dass viele Kinder erstmalig über den Bücherbus an die Bibliothek herangeführt werden." Ganz ähnlich ging es Hatice Akyün in den Siebzigerjahren.

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