Zeitgefühl Konfusion über den Geburtstag

Kinder sind sich nicht sicher, ob der Alterungsvorgang nicht eventuell beeinflusst werden kann.

(Foto: Getty Images)

Viele Kinder glauben, dass allein die Geburtstagsfeier sie altern lässt. Einiges spricht dafür, dass sich diese Haltung nicht komplett auswächst.

Von Werner Bartens

Als Gino seinen sechsten Geburtstag beging, fuhr die Familie aufs Land. Dort gab es ein herrliches Picknick, Gino blies die Kerzen auf der Torte aus, und die Eltern versprachen ihm, dass die Feier mit seinen Freunden am Wochenende nachgeholt werden würde. Plötzlich hellte sich Ginos Miene weiter auf. Er erklärte seinen Eltern voller Vorfreude, dass er ja heute sechs geworden sei - und in ein paar Tagen während der Geburtstagsparty schon sieben werden würde.

"Der Junge glaubt fest daran, dass die Geburtstagsfeier die Ursache dafür ist, wenn er älter wird, und nur aus diesem Grund gefeiert wird", erklärt Jacqueline Woolley von der University of Texas. Die Psychologin zeigt im Fachmagazin Imagination, Cognition and Personality, welche Vorstellungen Kinder vom Alter und dem Älterwerden haben. "Eine der ersten Fragen im Kontakt mit Erwachsenen bezieht sich ja darauf, ob die Kleinen schon wissen, wie alt sie sind", schreibt Woolley: "Die Geburtstagsfeier, die Torte und die Anzahl der Kerzen darauf zeigen, wie wichtig dieses Ereignis genommen wird."

Dabei wissen Vorschulkinder bereits mit vier Jahren, dass Pflanzen, Tiere und Menschen wachsen und das Wachstum ein Prozess ist. Das Leben ein Kontinuum. Allerdings sind sich Kinder nicht sicher, ob der Alterungsvorgang nicht eventuell beeinflusst werden kann. So vermuteten immerhin 31 Prozent der Fünfjährigen in der aktuellen Studie, dass der Grund dafür, eine Geburtstagsparty auszurichten, darin besteht, älter zu werden.

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Derlei magisches Denken scheint sich jedoch nicht nur auf Kleinkinder zu beschränken. Wenn Jugendliche auf ihren 16. oder 18. Geburtstag hinfiebern, lässt sich das immerhin damit erklären, dass sie mit Erreichen dieser Schwelle Alkohol trinken und sich mehr Gefahren im Verkehr aussetzen dürfen. Doch wie soll man das Bohei verstehen, das Menschen veranstalten, wenn sie 30 werden oder gar der 50. Geburtstag naht?

Derartige Jubiläen geraten neuerdings oft zur Feier der eigenen Großartigkeit, obwohl sie doch nur kalendarische Zufälle markieren. Und neueren medizinischen Erkenntnissen zum Trotz gelten unverrückbar die alten Stereotype und rituellen Altersschwellen. Demnach tickt ab 30 die biologische Uhr, ab 40 blättert der Lack, und wer mit 50 aufwacht und keine Schmerzen hat, kann nur tot sein. Dabei wissen Altersforscher längst: Die Alten werden immer jünger, die 55-Jährigen von heute sind so fit und gesund wie die 45-Jährigen vor 40 Jahren - und manchmal werden 54-Jährige noch Mütter. Wieso werden die biografischen Kerben dennoch exzessiv gefeiert, erinnern sie doch vor allem an alte Vorurteile?

Es gibt natürlich auch die Fraktion jener Menschen, die ihren Geburtstag ignorieren und den Tag, an dem sie auf die Welt gekommen sind, nicht für ein zu bejubelndes Ereignis halten. Bei ihren Kindern kann dies allerdings zu Missverständnissen führen. So berichtet Psychologin Woolley von einem Grundschüler, der überzeugt ist, dass seine Mutter nicht nur nicht feiert, sondern überhaupt keinen Geburtstag mehr hat. "Sie hat wirklich keinen Geburtstag mehr", habe der Junge gesagt: "Ich weiß das, denn an dem Tag kommt niemand, und sie macht auch keinen Kuchen."

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