Psychologie Der Mythos vom unbeherrschten Kind

Der österreichisch-amerikanische Forscher Walter Mischel testet die Selbstdisziplin von vierjährigen Kindern mit Süßigkeiten.

(Foto: Moment/Getty Images)

Ein US-Psychologe gelangt mit dem "Marshmallow-Test" zu einem überraschenden Ergebnis: Kinder verfügen heute über mehr Selbstkontrolle als früher - trotz moderner Ablenkungen.

Von Sebastian Herrmann

Über der Zukunft der Menschheit hängen dunkle Wolken, die Aussichten sind trüb. Das klingt arg pessimistisch - doch gibt nicht die kommende Generation genügend Anlass für negative Prognosen? Vergeuden nicht Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ihre Zeit am Smartphone, statt das Leben bei den Hörnern zu packen? Daddeln am Computer, kleben vor der Glotze, zappeln durch Klassenzimmer, halten keine Sekunde still und haben mit 18 noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Dreijährigen?

Solche kulturpessimistischen Tiraden sollten bestenfalls mit einem gütigen Lächeln abgewehrt werden. Denn erstens wird über die Jugend gejammert, seit die Menschheit die Sprache erfunden hat; und zweitens hat der Psychologe John Protzko von der University of California in Santa Barbara gerade eine Arbeit veröffentlicht, die eine frohe Botschaft in sich trägt: Demnach gelingt es Kindern über die Generationen hinweg immer besser, Selbstkontrolle auszuüben. Mädchen und Jungen können heute Begierden länger im Zaum halten als ihre Altersgenossen vor etwa 50 Jahren.

Kinder, die dem schnellen Kick widerstanden, wurden später erfolgreicher

Diese Fähigkeit wird mit einem der bekanntesten Versuche der Psychologie untersucht, dem Marshmallow-Test, den Walter Mischel in den 1960er-Jahren ersonnen hat. Der österreichisch-amerikanische Forscher konfrontierte vierjährige Kinder mit einem Dilemma. Die Kleinen durften sich eine Süßigkeit aussuchen, dann erklärte der Experimentator den Deal: Er würde nun den Raum verlassen und das Kind alleine lassen. Natürlich könne es die Süßigkeit auf dem Tisch sofort essen. Wenn es aber warte, bis er zurückkomme, würde er die Portion zur Belohnung verdoppeln. Die meisten griffen gleich zu, wenig überraschend.

Der besondere Wert der Versuche besteht darin, dass Mischel die Biografien über Jahre verfolgte: Jene Kinder, die dem schnellen Kick widerstanden, wuchsen zu erfolgreicheren Erwachsenen heran. In der Schule erzielten sie bessere Abschlüsse, machten eher Karriere, tranken weniger Alkohol und wurden seltener straffällig als ihre Altersgenossen, welche die Süßigkeit gleich gefuttert hatten.

Der Marshmallow-Test ist in den vergangenen 50 Jahren zigmal mit Kindern verschiedener Altersstufen wiederholt worden. Diese Daten aus mehr als 30 Studien wertete Protzko nun aus und stieß auf ein Muster: Über die Jahrzehnte gelang es den Teilnehmern zunehmend länger zu widerstehen, ein klarer Trend. "Wir können nicht sagen, warum sich die Fähigkeit von Kindern zum Belohnungsaufschub verbessert hat", sagt der Psychologe.

Was er aber festmachen kann: Das Ansehen der Jugend bleibt mies. Protzko bat zusätzlich 260 Experten - Entwicklungspsychologen und Persönlichkeitsforscher - um eine Einschätzung, wie sich die Leistung von Kindern im Marshmallow-Test ihrer Meinung nach entwickelt hat. 82 Prozent lagen falsch und glaubten, dass sich Kinder ähnlich oder weniger im Griff hätten als vor 50 Jahren.

Sogar in den Köpfen von Wissenschaftlern, die den Nachwuchs beforschen, stecken also die gängigen Vorurteile über die Jugend. Aber so ist das eben - sobald Kinder zu Erwachsenen werden, beginnen sie zu meckern und seltsame Sachen zu behaupten.

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