Zehn Jahre nach der Entschlüsselung der DNS Das vertrackte Genom

Im Jahr 2001 wurde die Entzifferung des menschlichen Erbguts als große Errungenschaft bejubelt - doch Hoffnungen auf schnelle medizinische Erfolge haben sich zerschlagen. Die Forscher wissen nicht einmal, wieviele Gene der Mensch überhaupt hat.

Von Katrin Blawat

Vier Kinder, sieben Enkel, alle gesund, er selbst 79 Jahre alt und fit - für Desmond Tutu, den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Erzbischof von Kapstadt, sagt diese Lebensbilanz genug über die Qualität seines Erbguts aus. Was konnte er noch erwarten, als er im vergangenen Jahr sein Genom entziffern ließ? "Nichts dramatisches", schreibt Tutu rückblickend in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science.

Vielleicht braucht es die Weisheit eines Friedensnobelpreisträgers, um sich derart gelassen den Errungenschaften der Molekulargenetik zu stellen. In den meisten Fällen nämlich, so drückt es Eric Lander vom Broad Institute in Massachusetts aus, "hat das menschliche Genom die Tendenz, zu Leidenschaft und Übertreibung anzustacheln". Belege hierfür finden sich reichlich, seit Forscher während einer Pressekonferenz vor genau zehn Jahren, am 12. Februar 2001, ankündigten, in den kommenden Ausgaben der Fachmagazine Nature und Science die Sequenz des menschlichen Erbguts zu veröffentlichen.

Kein Vergleich mit anderen Leistungen in der Menschheitsgeschichte erschien damals zu groß. Die Mondlandung, die Erfindung des Rades oder des Buchdrucks waren beliebte Referenzen, mit deren Hilfe die Wissenschaftler vermitteln wollten: Wir wissen jetzt alles über den Menschen. Wir haben durchschaut, wie der Körper und das Leben funktioniert, warum es manchmal schiefgeht und was sich dagegen tun lässt.

In die ungebremste Begeisterung der Forscher mischten sich Ängste der Allgemeinheit. Viele Menschen erschreckte das Bild des "gläsernen Menschen", der hilflos der Allmacht der Wissenschaftler ausgeliefert ist. Das Erbgut zu kennen, schien nur der erste Schritt zu sein - damit zu experimentieren unausweichlich der nächste. Und die Phantasien der Forscher über künftige Eingriffe ins Erbgut - "natürlich nur zu medizinischen Zwecken" - nährten diese Ängste kräftig. Davon unbeeindruckt prognostizierte Craig Venter, der mit seiner Firma Celera Genomics die Entzifferung des Humangenoms maßgeblich vorangetrieben hatte, kurzerhand das "Ende des Unwissens".

Was für ein grandioser Irrtum. Schon formal war das, worüber die Wissenschaft 2001 jubelte, keineswegs die vollständige Sequenz eines menschlichen Erbguts. Vielmehr bestand die erste veröffentlichte Arbeitsversion aus den Daten mehrerer Menschen, die zu einem Referenz-Genom zusammengefügt wurden. Dieses enthielt noch so viele Lücken und Fehler, dass Wissenschaftler sich 2003 erneut berechtigt sahen, die Veröffentlichung der - nun aber wirklich - kompletten Version des Humangenoms zu feiern. Vollständigkeit, das zeigte sich, ist in der Genetik eine Frage der Definition. Manche Erbgutabschnitte fehlen bis heute in den Datenbanken.

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen, ist der Mensch auch mit Kenntnis noch so vieler Gene kein gläsernes Wesen. Da hilft es auch nicht, die Reihenfolge der meisten jener 3,2 Milliarden Basenpaare zu kennen, die das Erbgut bilden. Im Gegenteil: Gewissheiten von einst haben sich in den vergangenen zehn Jahren in Ratlosigkeit aufgelöst. Zum Beispiel ist heute die Definition des Begriffes "Gen" schwammiger denn je. Auf naheliegende Fragen weiß man noch immer keine gesicherte Antwort. Nach wie vor sehen sich Mediziner mit einer Reihe von Leiden konfrontiert, die sie weder erklären noch heilen können.

Zweifellos bedeutete die Entzifferung des menschlichen Genoms einen enormen Erfolg für die Grundlagenforschung. Die Sequenzierung des ersten Genoms dauerte inklusive aller Vorbereitungen 13 Jahre. Drei Milliarden Dollar wurden dafür zunächst veranschlagt. Heute genügen drei Tage und demnächst wird eine Entzifferung nicht mehr als 1000 Dollar kosten.

Doch von dieser Art Fortschritt war in den Pressekonferenzen und Interviews der damals beteiligten Forscher keine Rede. Vielmehr sah Craig Venter "eine Revolution in der Medizin" kommen. Zehn revolutionsfreie Jahre später sagt jedoch Eric Green, Direktor des National Human Genome Research Institute in Bethesda: "Profunde Verbesserungen in der medizinischen Versorgung sind durch die Genomik realistischerweise auf viele Jahre hin nicht zu erwarten."

Was ist da passiert? Lassen sich die überdrehten Prognosen der Molekulargenetiker vor zehn Jahren nur damit begründen, dass sich auch Spitzenforscher für ihre Forschungsetats rechtfertigen müssen? Im Rückblick fällt es leicht, weitere Gründe für den ausgebliebenen Umbruch in der Medizin zu erkennen. Vor allem diesen: Wohl jeder, der damals an der Erbgutsequenz herumpuzzelte, hat das menschliche Genom unterschätzt.

"Wissenschaftler tendieren dazu, das für besonders wichtig zu halten, was sie messen können", sagt Hans Lehrach, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik. Dabei sagt die Reihenfolge der DNS-Bausteine allein recht wenig aus. Vielmehr kann man die Erbgut-Sequenz wie die Materialliste aller Bauteile verstehen, aus denen sich ein Regal zusammenbasteln lässt. Jeder, der schon einmal verzweifelt in dem Durcheinander aus Brettern, kleinen Schrauben, großen Schrauben, Unterlegscheiben und Dübeln gesessen hat, wird zustimmen: Selbst wenn alle Bestandteile in der richtigen Reihenfolge ausgebreitet auf dem Boden liegen, hilft dies nicht unbedingt, ein brauchbares Regal zu bauen.