Mode aus Schlachtabfällen Pullover aus Fleisch

Schweizer Forschern ist es gelungen, eine Art Wolle aus Gelatine herzustellen. Erste Kleidungsstücke gibt es schon.

Von Andrea Hoferichter

Ein kuscheliger Pulli aus Schlachtabfällen? Für Wendelin Stark von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das weder eine eklige noch eine abwegige Vorstellung. Sein Team kann schließlich seit Neuestem Gelatine aus Tierhaut, Knochen oder Sehnen in ein wolleähnliches Garn verwandeln. Einen weiß-roten Strickhandschuh aus dem Material präsentierten die Forscher kürzlich im Fachblatt Biomacromolecules. Er fühle sich an wie Schafswolle, halte die Hand gut warm und wirke wasserabweisend, schreiben sie.

Jedes Jahr fallen in Europa mehr als 15 Millionen Tonnen Schlachtabfälle an. Nicht alle kommen als Tierfuttermittel oder in Form von Gelatine, etwa für Gummibärchen oder Tortenguss, in die Nahrungskette zurück. Sie werden zum Teil in Biogasanlagen umgesetzt oder schlicht verbrannt. "Ein Unding", sagt Stark. "Die Natur hat hier mit viel Energie Atome zu komplexen Molekülen verknüpft, die wir besser nutzen sollten, als einen Brennstoff oder Wärme daraus zu machen." Gelatine sei eine hochwertige Eiweißverbindung wie Wolle oder Seide, und ein Garn daraus habe deshalb ähnliche Eigenschaften.

Um die gewünschten Textilfasern herzustellen, müssen die Eiweißmoleküle allerdings in eine geordnete Struktur gebracht werden. Dazu wird die Gelatine in einer Mischung aus Wasser und dem Alkohol Isopropanol auf 53 Grad Celsius erwärmt und ein Vernetzungsmittel hinzugegeben. Nach ein paar Stunden setzt sich eine zähe, trübe Masse ab, die durch Löcher gepresst und dahinter zu Fäden gesponnen wird. Aufnahmen eines Elektronenmikroskops zeigen eine glatte Oberfläche und Längsporen in den Fasern, wie sie auch für Wollfasern typisch sind. Die Gelatinefäden werden schließlich auf einer Spindel zu einem festen Garn gezwirbelt.

Ein Problem ist, dass die Fasern aufquellen, wenn sie nass werden

Die Idee, aus Gelatine Textilfasern herzustellen, ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert kursierten Rezepte zur Herstellung einer künstlichen Seide, der sogenannten Vandura-Seide. Sie galt damals allerdings als praxisuntauglich, weil die Gelatinefasern aufquellen, wenn sie nass werden. "Das ist tatsächlich ein Problem", räumt Stark ein. "Denn umgekehrt heißt das, dass ein gewaschenes Kleidungsstück aus Gelatinegarn beim Trocken sehr stark einläuft." Deshalb haben die Forscher das Garn mit Wollfett imprägniert und konnten die Wasseraufnahme deutlich senken. Für einen praktischen Einsatz reicht allerdings auch das nicht, denn noch immer nehmen die Fäden 80 Prozent mehr Wasser auf als Wolle.

Ein Revival erleben derweil auch wolle-ähnliche Fasern aus Milcheiweiß, die schon während des Zweiten Weltkriegs produziert wurden und in Vergessenheit geraten sind, als billige Kunststofffasern den Markt eroberten. Seit vergangenem Jahr produziert das Unternehmen Qmilk in Hannover eine umweltfreundliche Variante der Milchfasern, die im Gegensatz zum Urtyp ohne den Einsatz giftiger Chemikalien auskommt. Verarbeitet werde zudem nur, was nicht mehr genießbar ist, zum Beispiel verdorbene oder verunreinigte Milch von Milchhöfen, solche aus dem Spülwasser von Molkereien und abgelaufene Produkte aus Supermärkten. Allein in Deutschland würden jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen Milch vernichtet, heißt es aus dem Unternehmen. Für Veganer kommen die Textilien, ob aus Haut, Knochen oder Milch, wohl nicht infrage. Doch auch für sie gibt es kleidungstaugliche Agrarabfälle. Das Londoner Start-up-Unternehmen Ananas Anam etwa fertigt aus den Blättern von Ananaspflanzen einen Lederersatz. Erste Sneaker-Prototypen, Taschen, Handyhüllen und einen Autositzbezug gibt es schon.

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