Vom Wandel der Arktis Gletscher schmelzen, Orte versinken im Schlamm

Klimawandel Dramatische Eisschmelze in der Arktis

(Video: Nasa/Goddard Space Flight Center, Foto: Nasa/Goddard Space Flight Center)

In den letzten Jahren haben zwei nicht zu trennende Entwicklungen die Arktis aus ihrer Abgeschiedenheit zurück ins Weltgeschehen geholt: der Klimawandel und die unermüdliche Suche nach Rohstoffen - beides Entwicklungen, die maßgeblich vom Menschen gesteuert und verantwortet werden. Mitte September berichtete das National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado, dass das Polarmeereis auf unter 3,4 Millionen Quadratkilometer geschmolzen war - was nur noch der Hälfte der Eisfläche in den Achtziger- und Neunzigerjahren entspricht. Aufgrund dieser Daten prognostiziert einer der führenden Experten der Polarkappen, Peter Wadhams von der Universität Cambridge, einen eisfreien arktischen Sommer bis 2016. Die Erwärmung führt zum Schmelzen der arktischen Gletscher und des Permafrosts, Ortschaften versinken im Schlamm.

Eisfreie Sommer bedeuten aber auch: Die legendäre Nord-Ost-Passage durch das Eismeer wäre endlich offen, und die Energiereserven auf dem Grund des Polarmeeres könnten endlich angezapft werden. Seit Jahrzehnten schon kommt Öl aus dem Norden. Nun drängen die großen Konzerne einmal mehr in die Arktis, um aus Teersand und ölhaltigem Schiefer Öl zu pressen. Mit ihnen kommen die Umweltschützer, welche die letzte Wildnis wenigstens vor der nächsten Katastrophe retten wollen - bis heute gilt der 24. März 1989 als einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Arktis. An diesem Tag kenterte der amerikanische Supertanker Exxon Valdez, 37.000 Tonnen Rohöl liefen in den Prince-William-Sund vor Südalaska.

Im Gefolge der Klima- und Rohstoffdiskussion haben heute oft Wissenschafts- und Reiseautoren wie Sara Wheeler oder Gretel Ehrlich die Aufgabe übernommen, den Norden und seinen Mythos zu dokumentieren - und ihn dabei auch zu hinterfragen. Was nicht allen gefällt. Denn in einem wichtigen Punkt unterscheidet sich der Frontier-Mythos des Nordens von dem des alten Westens. Die Pioniere des Westens besiedelten das Land und machten es sich untertan. Der Pioniermythos des Nordens dreht sich zwar ebenfalls um den Kampf gegen die Natur - aber diese darf dabei auf keinen Fall kultiviert werden. Der hohe Norden muss der hohe Norden bleiben, eine unbezwungene Wildnis, in der der Mensch als Jäger und Trapper lebt.

Diese besondere Interpretation erklärt den Widerstand vieler in Alaska geborener Weißer wie Inuit gegen die neue Ölförderung, aber auch gegen die Umweltschützer-Vision einer unberührten, von menschlichen Einwirkungen völlig freien Wildnis. Denn sie wollen das Land ja nutzen, freilich ohne es dabei zu zerstören. Den Widerspruch zwischen individualistischen Alteingesessenen und romantischen Neuankömmlingen hat T. C. Boyle in seinem Roman "Drop City" vor ein paar Jahren thematisiert. Vor allem die Ureinwohner berufen sich auf das alte Recht auf Landnutzung - und beklagen die ethnozentrische Wildnis-Romantik, die so tue, als sei das Land vor den Weißen völlig leer gewesen. "Arcticism" nennen manche Wissenschaftler heute diese romantisierte Überhöhung der arktischen Einsamkeit, eine Reminiszenz an Edward Saids "Orientalismus".

Die Arktis dürften solche Debatten kaum noch verändern. Sie schmilzt.