Umstrittene Neurodermitis-Salbe Avocado-Öl für alle

Eine Wundersalbe gegen Neurodermitis weckt Hoffnungen. Doch je mehr über die Creme bekannt wird, desto größer werden die Ungereimtheiten. Nun kommt sie überraschend früh auf den Markt.

Von Werner Bartens

Ganz Deutschland redet über die Schweinegrippe. Ganz Deutschland? Nein, ein beträchtlicher Teil des Landes hat ein anderes Thema. Er redet über die Schweinegrippe und über eine vermeintliche Wundersalbe gegen Neurodermitis und Schuppenflechte. Vielleicht enthüllt eine WDR-Dokumentation ja bald, dass "diese blöde Creme" (der Schweizer Immunologe Beda Stadler) auch gegen die Schweinegrippe hilft, obwohl das erst in WDR-Labors an mindestens 49 Probanden getestet werden müsste.

Der Reihe nach: Am Mittwoch kam die umstrittene Salbe Regividerm überraschend früh auf den Markt. Die Auslieferung der ersten 25.000 Tuben in Deutschland und der Schweiz habe begonnen, Österreich folge, sagte Marc Tenbücken, Sprecher der Vertriebsfirma Mavena Health Care. Dabei steht eine behördliche Prüfung noch aus, und die Beweise für die Wirksamkeit der Paste sind - freundlich ausgedrückt - äußerst dünn.

Das Präparat war in die Schlagzeilen geraten, weil die WDR-Dokumentation "Heilung unerwünscht" am 19. Oktober die simple Salbe aus Avocado-Öl und Vitaminpulver als Heilmittel gegen Hautleiden anpries, das von der Pharmaindustrie seit Jahren verhindert werde. Filmautor Klaus Martens hat ein Buch geschrieben, das wie sein Film heißt, und durfte bei "Hart aber fair" am 21. Oktober das Thema nochmals ausführlich darstellen.

Viele Medien, darunter die SZ, fanden den Film anfangs ganz gut. Viele Medien und Mediziner fanden die Lobpreisung der Salbe in Sendungen des WDR bald darauf allerdings äußerst merkwürdig. Je mehr über die Salbe bekannt wurde, desto größer wurden die Ungereimtheiten. So zeigte sich nicht nur, dass die Studien, in denen die Creme untersucht wurde, viel zu kurz waren und dass an zu wenig Teilnehmern getestet wurde. Zudem stellte sich heraus, dass die Zulassung als Medizinprodukt längst beantragt war.

Es sei ein "unternehmerisches Risiko", nun den rezeptfreien Verkauf der Salbe in den Apotheken zu starten, obwohl eine Überprüfung durch die Bezirksregierung Düsseldorf noch bevorstehe, sagte der Sprecher der Vertriebsfirma. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Behörde untersuchen will, ob es sich bei der nur als Medizinprodukt zugelassenen Regividerm nicht doch um ein Arzneimittel handelt. Dann kämen auf den Hersteller Regeneratio aus Remscheid hohe Hürden für eine Marktzulassung zu: umfangreiche Langzeitstudien und ein Genehmigungsverfahren beim Bundesinstitut für Arzneimittel. Noch in dieser Woche soll die Salbe für weniger als 30 Euro in den Apotheken erhältlich sein.

Der Remscheider Hersteller will alle erforderlichen Unterlagen bis zu diesem Freitag an die Düsseldorfer Behörde schicken. "Die Prüfung ist ein formaler Akt. Wir arbeiten kooperativ mit der Behörde zusammen", sagte Tenbücken. Die Sprecherin der Bezirksregierung, Stefanie Paul, hält dagegen: "Das Ergebnis der Prüfung - und auch die Dauer -" seien "völlig offen". Sollte sich nach der Untersuchung zeigen, dass die Salbe einen pharmakologischen Wert habe und es sich bei Regividerm doch um ein Arzneimittel handele, könne sie nachträglich vom Markt genommen werden.

Nach den ersten Berichten über die Salbe hatten Apotheken von einem Ansturm berichtet. Wer an unerträglichem Juckreiz leidet, kümmert sich in der Hoffnung auf Heilung wenig um wissenschaftliche Beweise, auch wenn sogar der Deutsche Psoriasis Bund die Heilsversprechen im Film als "blanken Unsinn" bezeichnete.