Geist- und Wunderheilung/Reiki Heilsame Hände

Mit Abstand am weitesten verbreitet ist die Geistheilmethode des Reiki, die einem japanischen Mönch namens Mikao Usui, Lehrer an einer christlichen Klosterschule in Kyoto, Ende des 19. Jahrhunderts in einer Vision offenbart worden sein soll. Nach wochenlangem Fasten sei ihm jene "göttliche Energie" zuteil geworden, mit der auch Jesus geheilt habe.

Reiki kann angeblich weder gelehrt noch gelernt, sondern nur von einem Meister an einen Schüler weitergegeben werden. In einem Wochenend-Seminar zum Reiki-Grad I (Kosten: bis zu 250 Euro) wird mittels verschiedener Einweihungsrituale der Schüler für die Aufnahme "kosmischer Energie" geöffnet: Diese sei ab diesem Zeitpunkt ständig und unbegrenzt verfügbar, was den Schüler befähige, nun selbst heilend seine Hände aufzulegen.

Angeblich hilfreich gegen 385 Störungen

In einem "Offiziellen Reiki Handbuch" sind exakt 385 Störungen beschrieben - von Allergien und Asthma über Haarausfall, Herpes und Hühneraugen hin zu Tuberkulose, Tumoren und Typhus -, die mittels Reiki behandelt werden können. Auch erkrankten Tieren und Pflanzen helfe das Handauflegen des Reiki und sogar "bei nicht anspringenden Autos" funktioniere die kosmische Energiezufuhr.

Durch eine ebenfalls an einem Wochenende verabfolgte Einweihung in den Reiki Grad II (bis zu 700 Euro) werden die "Energiekanäle" weiter geöffnet - was nötig ist, um schwerere Erkrankungen wie etwa Aids oder Krebs zu behandeln. Grad II soll überdies zu Fernbehandlung befähigen. In einem Grad III (bis zu 10.000 Euro) kann der Schüler sich selbst zum Meister weihen lassen mit der Befugnis, seinerseits Grad I und II zu verleihen.

Das Reiki-Handauflegen (Kosten: bis zu 65 Euro pro Behandlung) wird in der Regel an zwölf bis zwanzig Stellen des Körpers für je einige Minuten durchgeführt. Die durch den Eingeweihten als "Kanal" hindurchfließende "Heilenergie" wird dergestalt auf den Patienten übertragen.

Einen Wirkbeleg gibt es ebensowenig wie eine seriöse Dokumentation der angeblichen Heilerfolge. Die möglicherweise wohltuende Wirkung des Reiki beruht ausschließlich auf der gläubigen Erwartungshaltung der Klienten: Außer einem eventuell auftretenden Placebo-Effekt hat Reiki keinerlei therapeutischen Nutzen.

Übrigens ist Handauflegen zur Übertragung "universeller Lebenskraft" unter einer ganzen Vielzahl an Bezeichnungen bekannt, beispielsweise als "Therapeutic Touch" (TT), "Energy-Transfer-Therapy" (ETT), "Energie-Punkt-Arbeit" (EPA) oder als "Spiritual Human Yoga" (SHY). Auch das sogenannte "Pranaheilen" des chinesischen Wunderheilers Choa Kok Sui ist nichts anderes als gebetsbegleitetes Handauflegen.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.