Serie: Bio bizarr (8) Kinder-Killer

Früher wurde es als abnorm betrachtet, wenn Tiere junge Artgenossen umbrachten. Heute wissen wir, dass dies für viele Arten völlig normal ist.

Von Markus C. Schulte von Drach

Das Töten von Jungtieren, seien es eigene oder fremde, ist sicher die Verhaltensweise, die wir bei Tieren am furchtbarsten finden.

Junge Löwen leben gefährlich, wenn neue Männchen das Rudel übernehmen.

(Foto: Foto: Reuters)

Auch bei Menschen erscheint uns die Ermordung von Kindern als das schlimmste Verbrechen, das wir uns vorstellen können. Und es fällt uns sogar schwer, über die Gründe auch nur nachzudenken, die Eltern dazu bringen können, den Nachwuchs zu töten.

Lange Zeit kannte man dieses Verhalten fast nur von landwirtschaftlichen Nutztieren wie Schweinen und anderen Haustieren und hielt es für unnatürlich oder krankhaft.

Doch seit den achtziger Jahren etwa wissen Biologen, dass auch gesunde Wildtiere junge Artgenossen umbringen. Inzwischen ist die Zahl der Beobachtungen in der Natur so gewachsen, dass das Töten von Jungtieren als normaler Bestandteil im Verhaltensrepertoire vieler Tierarten betrachtet werden muss.

Eines der bekanntesten Beispiele für den sogenannten Infantizid sind Löwen. Übernehmen männliche Tiere ein Rudel, so bringen sie sämtliche Jungtiere im Alter von bis zu etwa neun Monaten um. Die Löwinnen, die sich sonst um den Nachwuchs kümmern müssten, stehen nun den neuen Männchen schneller als Fortpflanzungspartner zur Verfügung.

Ein ähnliches Verhalten kennt man auch von anderen Tieren, etwa von Lemuren, Bären oder Vögeln.

Unter dem Aspekt der möglichst effektiven Vermehrung hat dieses Verhalten für die männlichen Tiere natürlich Vorteile - je früher die Weibchen wieder empfänglich sind, desto mehr Zeit haben die Männchen, Jungen zu produzieren. Die Weibchen dagegen sind benachteiligt, haben aber offenbar keine Gegenmaßnahmen entwickelt.

Genau umgekehrt ist es beim Rotstirn-Blatthühnchen (Jacana jacana), einer südamerikanischen Vogelart. Hier kümmern sich die männlichen Tiere um die Brut, während die Weibchen ein Revier verteidigen.

Gelingt es einem weiblichen Tier, eine Konkurrentin zu verdrängen, tötet sie deren Nachwuchs - und lässt sich anschließend vom nun jungen- und arbeitslosen Männchen begatten. Biologen sprechen hier von einem sexuellen Konflikt zwischen den Geschlechtern, die danach streben, die größten Vorteile für sich herauszuholen - auch auf Kosten des Fortpflanzungspartners.

Manche Tiere fressen den eigenen Nachwuchs

Andere Ursachen, die zum Infantizid führen können, sind offenbar begrenzte Ressourcen wie Nahrung und Raum sowie Stress. So bringen zum Beispiel in Gruppen von Wölfen oder Zwergmangusten ranghohe Weibchen manchmal die Jungen untergebener Weibchen um.

Unter schlechten Bedingungen töten weibliche Tiere einiger Arten auch ihren eigenen neugeborenen Nachwuchs - und fressen ihn häufig sogar auf. Schweine, Kaninchen und Mäuse etwa sind für dieses Verhalten bekannt. Auch bei Zootieren wird dies manchmal beobachtet.

Zwar lässt sich nicht genau sagen, welche Faktoren hier jeweils ausschlaggebend sind. Es wird aber angenommen, dass es sich letztlich um eine "ökonomische" Entscheidung handelt. Die Tiere haben zwar während der Schwangerschaft in den Nachwuchs investiert. Doch offenbar verarbeiten die Weibchen Umweltinformationen als Hinweise darauf, wie die Chancen stehen, die Jungen ausreichen schützen und versorgen zu können.

Erscheinen die Bedingungen schlecht, werden die Jungen getötet, manchmal sogar gefressen (was unter ökonomischen Gesichtspunkten natürlich naheliegend ist) und das Tier setzt auf den nächsten Wurf. Dies könnte zum Beispiel auch die Eisbärin Vilma im Nürnberger Zoo im Januar 2008 dazu gebracht haben, ihre beiden Jungen aufzufressen.