Sehhilfe Ein Auge am Ohr

Ein Start-up-Unternehmen in Jerusalem entwickelt ein künstliches Auge für Menschen mit Sehschwäche. Das Gerät erkennt nicht nur Ampelfarben und Geldscheine, es liest sogar Speisekarten vor.

Peter Münch

Vom dritten Stock nach unten sind es mindestens 60 Stufen. Liat Negrin läuft voraus, dreht sich auf halbem Weg kurz um und ruft: "Kommst du?" Draußen biegt sie eilig ab nach rechts, zwei Kurven, ein kleiner Anstieg, immer vorneweg, dann steht sie an der Kreuzung. Motoren heulen, Autos hupen, ein Bus fährt langsam schnaufend an. Tausend Geräusche, tausend Gerüche, tausend Eindrücke, doch die wichtigste aller Fragen lautet: Welche Farbe zeigt die Ampel?

Für Liat Negrin kann das eine Frage auf Leben und Tod sein. Sie kann die Ampel nicht sehen. Seit ihrer Geburt ist sie fast blind. Die 37-Jährige leidet an einem sogenannten Kolobom, einer Spaltbildung im Auge, und sie erkennt in ihrer Umwelt höchstens das, was eine Handbreit vor ihrem Gesicht erscheint.

Nun steht sie an dieser Kreuzung umtost vom Verkehr, die Ampel ist vier Fahrspuren entfernt, und ein akustisches Ampelsignal gehört nicht zur Jerusalemer Grundausstattung für Straßenkreuzungen. Doch für Liat Negrin gibt es eine andere Lösung: Sie hebt den Zeigefinger ihrer rechten Hand, deutet in Richtung der Ampel - und eine Stimme in ihrem Ohr sagt auf Englisch "Red Light".

So bleibt sie stehen mit erhobener Hand, bis die Stimme wenig später vermeldet, dass die Ampel nun auf Grün geschaltet hat. Möglich macht das ein neues Gerät der israelischen Firma OrCam, das Liat Negrin als Mitarbeiterin des Unternehmens seit einiger Zeit im Alltag testet. Eine kleine Kamera, die per Magnet an ihrer Brille befestigt ist, erfasst die Umwelt und sendet optische Eindrücke als Signale über ein dünnes Kabel an einen tragbaren Computer in der Hosentasche, der nicht größer ist als ein Smartphone.

Der Computer kann mithilfe der auf ein Objekt ausgerichteten Kamera lesen oder eben auch Ampelschaltungen ansagen. Die Ansage funktioniert über ein ebenfalls in die Brille integriertes Hörgerät, das die akustischen Signale über den Knochen direkt ins Gehör weiterleitet. "Das Gerät gibt mir mehr Unabhängigkeit", sagt Liat Negrin, "und alles, was mich unabhängiger macht, macht einen großen Unterschied."

Drei Jahre hat die Entwicklung dieser Sehhilfe gedauert, von anfangs drei ist das Unternehmen mittlerweile auf 20 Mitarbeiter angewachsen. In den Büros herrscht die landesübliche israelische Start-up-Stimmung, alle Angestellten sind um die 30, tragen Shorts und Sandalen und manche auch eine Kippa auf dem Kopf, weil das hier ja nicht das hippe Tel Aviv ist, sondern das heilige Jerusalem. Von der Software-Entwicklung bis zum Zusammenbau der Geräte wird alles am Ort erledigt. Die ersten 100 Exemplare wurden gerade innerhalb von 48 Stunden nach der Freischaltung über die Webseite für 2500 Dollar pro Stück in die USA verkauft und sollen im September geliefert werden.

Für Yonatan Wexler, der die Firma zusammen mit den Jerusalemer Computer-Technik-Professoren Amnon Shashua und Shai Shalev-Shwartz gegründet hat, ist damit das erste Etappenziel erreicht. Doch die Ziele liegen weit höher.