Schlaf Wie man Klarträumen lernt

Einmal Superman sein: In Klarträumen ist das manchen möglich.

(Foto: Javier Soriano/AFP)

In "luziden Träumen" kann man die Handlung bewusst steuern oder sich Superkräfte zulegen. Australische Forscher haben nun untersucht, wie sich Klarträume auslösen lassen. Das gehe erstaunlich einfach.

Von Christoph Behrens

"Ich wurde zum Regenbogenmann. Schützer der Unschuldigen, Vollstrecker der Gerechtigkeit. Zuerst sah ich Bankräuber. Ich färbte sie pink. Sie weinten und gaben auf. Dann ertrank jemand. Aber als ich das Wasser grün färbte, lief er darauf, als wäre es Wiese. Danach verlor die ganze Welt ihre Farben, aber mit meinen Kräften hielt ich die Gefahr auf. Dann wachte ich auf."

Einmal kurz die Welt retten, so beschreibt es der Nutzer "LucidJack" in einem englischsprachigen Traum-Forum. Was er schildert, ist mehr als ein gewöhnlicher Traum: LucidJack träumte einen Klartraum, auch "luzider Traum" genannt. Wer diesen Zustand erreicht, ist sich bewusst, dass er oder sie träumt. Er kann die Handlung des Traums aktiv steuern und sich beispielsweise beliebige Superkräfte zulegen.

Solche Klartraum-Episoden sind gar nicht so selten. Schätzungsweise mehr als die Hälfte aller Erwachsenen hat bereits wenigstens ein Mal im Leben einen Klartraum erlebt - so ergab es kürzlich eine Übersichtsarbeit britischer Forscher. Rund ein Viertel aller Menschen träumt sogar mindestens einmal im Monat luzide. Da überrascht es, dass Forscher bislang recht wenig über das Phänomen wissen. Das fängt schon bei der einfachen Frage an: Wie lässt sich ein Klartraum am besten herbeiführen?

Realitätstest, Wecker stellen, Gedächtnisstütze

Australische Forscher dies nun systematisch untersucht. Im Fachblatt Dreaming erklären sie: Ja, man kann lernen, bewusst zu träumen. Und eine Technik ist besonders effektiv.

Die Wissenschaftler der Universität Adelaide konzentrierten sich auf sogenannte "traum-induzierte luzide Träume" (DILDs). Dabei wird dem Träumenden während eines "normalen" Traums mit einem Mal klar, dass er träumt. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt er die Kontrolle über das Geschehen.

Doch wie erreicht man die magische Erkenntnis zu träumen? Drei Kniffe untersuchten die Forscher genauer:

  • Den "Realitätstest". Dieser beginnt im Wachzustand. Dabei stellt man sich mehrmals täglich die einfache Frage: Träume ich? Ist irgendetwas in meiner Umgebung ungereimt oder widersprüchlich? Die Idee ist, dass man sich mithilfe dieser Routine die (Un)wirklichkeitsfrage irgendwann auch im Traum stellt - und sie bejaht, was dann einen Klartraum auslöst. Ein weiterer Wirklichkeitscheck besteht darin, mit geschlossenem Mund einzuatmen. Im Traum erzeugt das offenbar widersprüchliche Sinneseindrücke (Luft, die durch geschlossene Backen strömt) und signalisiert so ebenfalls, dass man schläft.
  • Die "Wake Back to Bed"-Methode. Der Wecker wird etwa fünf bis sechs Stunden nach dem Einschlafzeitpunkt gestellt. Nach dem Aufwachen bleibt man einige Zeit wach und legt sich dann wieder schlafen. Dies soll die mentale Wachsamkeit verbessern, und einen Klartraum in der zweiten Schlafphase begünstigen.
  • Die "mnemonische Induktion" eines Klartraums. Vor dem Einschlafen sagt man laut eine Gedächtnisstütze: "Das nächste Mal wenn ich träume, werde ich mich daran erinnern, dass ich träume." Diese Technik entwickelte der amerikanische Klartraum-Pionier Stephen LaBerge in den 1980ern.

Die Forscher erprobten die Tricks in einem zweiwöchigen Experiment mit insgesamt 169 erwachsenen Australiern aller Altersgruppen. In der ersten Woche führten die Teilnehmer lediglich ein Tagebuch über ihren Schlaf. Sie notierten, wie lange und gut sie schliefen, wie oft und intensiv sie träumten. Ab der zweiten Woche teilten die Forscher die Teilnehmer in drei Gruppen auf. Die erste sollte mindestens zehn Mal am Tag die Realitätstests praktizieren, die zweite Gruppe zusätzlich dazu die "Wake Back to Bed"-Methode. Die dritte Gruppe nutzte alle drei Techniken.

Alle drei Methoden zusammen funktionieren am besten

Am schwächsten schnitten die Realitätstests ab. Sie hatten keine messbaren Auswirkungen auf die Anzahl der Klartraum-Episoden in der zweiten Woche. Dabei war auch unerheblich, wie oft am Tag die Traumschüler sich die Realitätsfrage stellten. Schon wacher träumten die Testpersonen, die zusätzlich nachts den Wecker stellten. Hier steigerte sich die Rate an Klarträumen um 54 Prozent gegenüber der ersten Woche. In der kurzen Wachphase lasen die Teilnehmer zudem einen kurzen Text über das Klarträumen. Am effektivsten funktionierten aber alle drei Techniken zusammen. Von dieser Gruppe träumte in der zweiten Woche mehr als jeder Zweite mindestens einmal luzide - doppelt so viele wie in der ersten Woche ohne Training.

Eine wichtige Rolle scheint also die Gedächtnisstütze vor dem zweiten Einschlafen zu spielen. Dabei war jedoch entscheidend, dass die Teilnehmer nicht zu lange zwischendurch wach blieben. Schliefen sie innerhalb von fünf Minuten nach dem nächtlichen Aufwachen und Aufsagen des Mantras "Ich werde mich erinnern zu träumen" wieder ein, folgte besonders oft ein Klartraum. Blieben sie zu lange wach, verpuffte der Effekt.

Luzides Träumen lasse sich trainieren, betonen die Forscher

Die Daten zeigen zudem, dass Teilnehmer, die vor dem Experiment schon Klartraum-Episoden hatten, in der zweiten Woche nicht besser als Klartraum-Neulinge abschnitten. Es sei also keine Vorerfahrung mit luziden Träumen oder gar eine natürliche Veranlagung nötig, urteilen die Forscher, damit die Gedächtnisstützen-Technik erfolgreich sei. Luzides Träumen lässt sich also in relativ kurzer Zeit lernen. Zudem scheinen Klarträume sich nicht negativ auf die Qualität des Schlafs auszuwirken. Wer klar träumte, war am nächsten Tag meist sogar ausgeruhter als sonst.

Vor allem die Tatsache, dass Klarträume sich so gezielt herbeiführen lassen, begeistert die Forscher. So ließen sich die körperlichen und geistigen Effekte luzider Träume künftig besser erforschen. Manche Wissenschaftler erhoffen sich beispielsweise, mit Klarträumen Alptraum-Patienten zu behandeln. Andere wollen unterbewusste Kreativität freisetzen oder mithilfe von Klarträumen das Bewusstsein studieren. Auch könnten begabte Klarträumer im Schlaf mentale oder körperliche Fähigkeiten trainieren.

In den Klartraum-Foren scheint das Übermenschliche am meisten Begeisterung zu entfachen. Unter dem Beitrag des Regenbogenmanns wird diskutiert, welches die beste Superkraft ist, die man sich im Traum zulegen kann: Fliegen, Sieben-Meilen-Stiefel - oder doch einfach Gedankenlesen?

Linktipps:

  • Das "Klartraum-Wiki" gibt einen Überblick über luzides Träumen und Anfängern Tipps zum Einstieg.
  • Im "Klartraumforum" schildern luzide Träumer ihre Erlebnisse und diskutieren sie.

Im Schlaf gelernt

Mit einiger Übung lässt sich auf Träume bewusst Einfluss nehmen. Wer das Klarträumen erlernt, kann im Schlaf durch den Himmel fliegen, Sinfonien komponieren - oder seine sportliche Leistung steigern. Von Ali Vahid Roodsari mehr...