Ressourcenmangel Der Agro-Imperialismus

Fonds, Banken und Konzerne suchen nach neuen Investitionsmöglichkeiten und holen sich Land dort, wo sie es kriegen können - von Russland über den Sudan bis nach Australien.

Von Petra Steinberger

"Verkauft die Banken, kauft Käse", riet kurz vor Beginn der Finanzkrise der Chef eines Londoner Hedge-Fonds den internationalen Anlegern. Und das tun sie: Provinzregierungen ebenso wie die reichen Golfstaaten und das mächtige China. Investmentfonds tun es, und die Deutsche Bank auch. Sie alle sind beteiligt an einer neuen Art von globalem Geschäft, das fatal an den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts erinnert. Kritiker nennen es "Landraub".

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich beispielsweise 400.000 Hektar Land im Sudan gesichert, China lässt in den Bergen von Laos riesige Gummibaumplantagen anlegen; 80 indische Nahrungsmittelkonzerne haben 1,7 Milliarden Euro in äthiopische Farmen investiert. Meist sind es reiche oder mächtige Staaten und Privatinvestoren, die fruchtbares Ackerland pachten oder kaufen, das fast immer in armen oder totalitär geführten Ländern liegt.

So hat jüngst sogar eine südkoreanische Provinzregierung auf den Philippinen 95.000 Hektar Ackerland gepachtet - für 25 Jahre. Das ist nicht besonders viel. Typischerweise laufe die Pacht zwischen 50 und 99 Jahre, heißt es in einer neuen Studie des International Institute for Sustainable Development (IISD); die Fläche könne bis zu eine Million Hektar betragen, das ist größer als die Oberpfalz.

Es ist die Sorge um die Nahrungsmittelsicherheit, die viele Staaten antreibt, fruchtbaren Boden in der Ferne zu suchen. "Selbstversorgung", erklärte ein Think Tank in Dubai, "ist für die trockenen und immer dichter bevölkerten Golfstaaten keine Option." Saudi-Arabien, das lange auf die Eigenproduktion von Weizen gesetzt hatte, wird dieses Vorhaben bis 2016 auslaufen lassen - weil schon jetzt das Wasser dafür knapp ist. Der Norden Chinas versteppt, Angst vor zukünftigen Hungersnöten treibt auch Japan und Südkorea um.

Während in Asien und der arabischen Welt oft die Regierungen hinter solchen Landnahmen stehen, überlässt der Westen dieses Geschäft eher der Privatwirtschaft. Fonds, Banken und Konzerne suchen nach neuen Investitionsmöglichkeiten und holen sich Land dort, wo sie es kriegen können - von Russland über den Sudan bis nach Australien.

Und sie bauen an, was am meisten - und lukrativsten - nachgefragt wird: Nahrungsmittel, Tierfutter, Bio-Treibstoff. Doch es ist die Versorgungssicherung, welche die aktuellen Landkäufe und -pachten auszeichnet. Hier geht es nicht um das Spiel des freien Marktes, hier wird ein langfristiges, teilweise interkontinentales Agrargeschäft eingerichtet.

Dass man dadurch den Menschen vor Ort nicht selten ihr Land, ihr Wasser und ihre Nahrung wegnimmt, nimmt man in Kauf. Denn meist werden die Abkommen nicht mit der einfachen Landbevölkerung geschlossen, sondern mit regionalen Behörden oder Regierungen - die nicht unbedingt die Interessen ihrer Bevökerung wahren.

Wie undurchsichtig solche Geschäfte meist ablaufen, lässt sich daran erkennen, dass es kaum offengelegte Verträge gibt. Grain, eine internationale Organisation, die den neuen globalen Landkauf beobachtet, hat bereits 180 solcher Geschäfte in verschiedenen Stadien der Abwicklung dokumentiert - und fürchtet das Ende der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und eine hemmungslose Konzentration der Produktion. Als "eine Form des Neo-Kolonialismus" hat Jacques Diouf, Chef der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO, diese Praxis bezeichnet.

Ob sich die Enteigneten die Landnahme gefallen lassen, wenn es tatsächlich zu Engpässen kommt, muss sich noch herausstellen. In Madagaskar führte Anfang dieses Jahres ein Pachtgeschäft mit dem koreanischen Konzern Daewoo zum Sturz der Regierung. Was den Konzern nicht stört - Daewoo hält an seinen Plänen fest und soll sich bereits mehr als 200.000 Hektar aus den von der Ex-Regierung zugesagten 1,3 Millionen angeeignet haben.

Die Zukunft unserer Lebensgrundlage

mehr...