Psychosomatik Wenn Ausgrenzung schmerzt

Isolation, Jobverlust und Einsamkeit tun auch körperlich weh. Umgekehrt lassen sich körperliche Schmerzen durch Zuwendung lindern. Mittlerweile verstehen Forscher die Mechanismen hinter den Zusammenhängen besser.

Von Werner Bartens

Nicht mitmachen zu dürfen und von einer Gruppe ausgeschlossen zu werden, tut weh. Es kann wie ein plötzlicher Schlag in die Magengrube wirken, wenn das unmissverständliche Signal kommt: Hier hast du nichts zu suchen - du musst leider draußen bleiben. Der Schmerz über den jähen Ausschluss aus der Gemeinschaft und die fehlende Bindung ist sogar ganz wörtlich zu verstehen, sagt Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles. "Fühlt sich jemand ungeliebt, einsam und nicht gewollt, tut das auch körperlich weh", so die Neuroforscherin und Sozialpsychologin. "Soziales und physisches Leid überlappen sich dann."

Auf dem Jahreskongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München, der an diesem Samstag zu Ende geht, stellte die Forscherin ihre überraschenden Ergebnisse vor.

In einem Computerspiel durften je ein Proband und zwei virtuelle Figuren sich Bälle zuwerfen. Nach einiger Zeit warfen sich nur noch die beiden virtuellen Figuren den Ball zu - die Versuchsteilnehmer fühlten sich ausgegrenzt und reagierten empört. Zugleich sank ihre Schmerzschwelle und sie reagierten empfindlicher auf Hitzereize und andere kleine Quälereien. Die veränderte Schmerzwahrnehmung stellte sich sogar ein, wenn den Probanden nur kurze Filmclips vorgespielt wurden, in denen Menschen mit ablehnendem oder missbilligendem Gesichtsausdruck zu sehen waren. Ängstlich-neurotische Probanden ("die haben was gegen mich", "ich hab' mich so verloren gefühlt") waren nach der Zurückweisung weitaus schmerzempfindlicher als Teilnehmer mit gefestigter Persönlichkeit.

Soziale Ablehnung geht sogar mit einem Anstieg diverser Entzündungswerte einher, wie Eisenbergers Arbeitsgruppe jüngst beobachtet hat. Pro-inflammatorische Zytokine - das sind Botenstoffe, die eine Entzündung regelrecht anfeuern - zirkulieren vermehrt im Blut und tragen dazu bei, dass Schmerzreize als noch schmerzhafter wahrgenommen werden. Soziale Nähe, Bindungen und das Gefühl der Sicherheit linderten hingegen den Schmerz. Sobald Versuchsteilnehmer die Hand des Partners halten konnten oder auch nur ein Bild von ihm sahen, taten ihnen die verschiedenen Schmerzreize nicht mehr so weh.

Die wechselseitige Beeinflussung von sozialen wie körperlichen Schmerzen funktioniert offenbar in beide Richtungen: Bekamen Probanden Paracetamol oder ähnliche Schmerzmittel, empfanden sie die soziale Ausgrenzung und Zurückweisung als längst nicht so massiv wie jene Versuchsteilnehmer, die ein Scheinpräparat schluckten, nachdem sie von der Gruppe, einem Spiel oder anderen angenehmen Situationen ausgeschlossen worden waren.