Psychologie Warum wir uns beim Sex nicht ekeln

Körperflüssigkeiten und -gerüche, Schweiß und Sperma - im Alltag stoßen uns diese Dinge eher ab. Niederländische Wissenschaftler haben nun festgestellt, wie sich die Ekelschwelle bei Frauen anheben lässt. Man braucht dazu nur einen Erotikfilm.

Schweiß, Speichel, Körpergerüche - gemeinhin nehmen wir diese Dinge als unangenehm bis abstoßend wahr. Beim Sex allerdings ist man mit allen diesen Dingen konfrontiert. Wieso ekeln sich die Partner dann nicht voreinander?

In diesem Augenblick stören Schweiß, Speichel und Körpergeruch nicht mehr: Sexuelle Erregung hebt die Ekelschwelle an.

(Foto: Piotr Marcinski - Fotolia)

Das hatte sich bereits Sigmund Freud gefragt: Ein Mann, der den Mund eines schönen Mädchen leidenschaftlich küsse, könnte sich bei der Vorstellung ekeln, die Zahnbürste der Frau zu benutzen, stellte er fest. Wissenschaftler der Universität Groningen teilen die Verwunderung des Begründers der Psychotherapie - und haben sich auf die Suche nach einer Antwort gemacht.

Und die lautet ihnen zufolge schlicht und einfach: Sexuelle Erregung beeinflusst unsere Wahrnehmung so, dass die Ekelschwelle vorübergehend heraufgesetzt wird.

Nachdem Studien an Männern bereits Hinweise auf einen solchen Zusammenhang ergeben hatten, haben Charmaine Borg und Peter de Jong ihn nun bei Frauen überprüft. Sie zeigten 90 heterosexuellen Frauen entweder einen erotischen Film, ein Sportvideo, das den Adrenalinspiegel heben sollte, oder einen neutralen Spot.

Anschließend sollten die Testpersonen eine Reihe von Verhaltensweisen beobachten und dann angeben, wie eklig sie die Vorstellung empfanden, die gezeigte Handlung selbst auszuführen.

Was die Versuchsteilnehmerinnen zu sehen bekamen war zum Beispiel, wie jemand Saft aus einem Becher trank, in dem sich ein großes Insekt befand, wie ein Hemd geknuddelt wurde, das ein Pädophiler beim Missbrauch eines Kindes getragen hatte, wie jemand die benutzte Unterwäsche einer Frau in einen Wäschekorb legt oder den Finger in eine Schüssel mit benutzten Kondomen steckt. Wer dazu bereit war, sollte anschließend die gesehene Aktion nachmachen und danach erneut die eigenen Gefühle bewerten. Dass die Bilder nicht der Realität entsprachen, wussten die Probandinnen nicht.

Frauen, die den Softporno gesehen hatten, empfanden die Handlungen, die sich in irgendeiner Weise mit Sex assoziieren ließen, als weniger eklig als diejenigen, die einen Sportfilm oder ein neutrales Video gesehen hatten. Hinweise auf eine ähnliche Tendenz fanden die Forscher auch in Bezug auf die anderen Handlungen - allerdings war der Unterschied hier nicht signifikant.

Wie die Psychologen im Fachmagazin Plos One berichten, führten fast 90 Prozent dieser Studienteilnehmerinnen die gestellten Aufgaben tatsächlich selbst aus - ob es sich um Aktionen handelte, die irgendwie mit Sex verbunden waren oder nicht. Von den anderen Frauen waren dazu nur 65 Prozent (Sportfilm) bzw. 74 Prozent (neutraler Film) bereit.

Zwar hatten die in der Studie gestellten ekligen Aufgaben wenig mit normalem Sex zu tun. Aber wenn sich schon hier die Ekelschwelle verändert, liegt es nahe, anzunehmen, dass sexuelle Erregung auch den Ekel vor Körpergerüchen und -flüssigkeiten wie Schweiß und Sperma herabsetzt.

Ekel dient vermutlich unter anderem dazu, uns vor Infektionen zu schützen. Ohne Sex allerdings stirbt eine Art, die sich von Natur aus nicht auf jungfräuliche Weise vermehren kann, aus. Es ist deshalb eigentlich keine Überraschung, dass der Ekelfaktor zurücktritt, wenn einvernehmlicher Sex in Aussicht steht.

Das Besondere an der Studie ist jedoch, dass es den Wissenschaftlern gelungen ist, einen direkten Zusammenhang zwischen der sexuellen Erregung und der erhöhten Ekelschwelle zu beobachten. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Wahrnehmung, sondern auch auf die Bereitschaft, zu handeln.

Darüber hinaus deuten die Ergebnisse darauf hin, dass bei Frauen, die zu wenig sexuell erregt sind, die Ekelschwelle unzureichend steigen und der Sex dann sogar als unangenehm empfunden werden könnte. Letztlich könnte der Ekelfaktor demnach sogar mit Sexualstörungen zusammenhängen, vermuten die Psychologen.