Plastikbestandteil Bisphenol A Schlägt Kunststoff aufs Herz?

Als Gefahr für Neugeborene steht der Plastikbestandteil Bisphenol A schon länger im Verdacht der Forscher. Doch möglicherweise ist er auch für Erwachsene schädlich.

Von H. Charisius

Im Blut fast jedes Menschen schwimmen längst nicht mehr nur lebenswichtige Zutaten, sondern auch Stoffe, die dort nicht hineingehören: Umweltgifte etwa, die mit der Nahrung in den Körper gelangen. Oder Kunststoffrückstände aus Lebensmittelverpackungen, die Wurst, Käse, Limonade oder eingedoste Maiskörner kontaminieren. In der bisher umfangreichsten Studie zu einem dieser Kunststoffe hat der britische Gesundheitswissenschaftler David Melzer von der Peninsula Medical School in Exeter einen möglichen Zusammenhang zwischen der Chemikalie Bisphenol A (BPA) und Herz-Kreislaufleiden festgestellt.

Die Substanz BPA gehört mit einer weltweiten Jahresproduktion von mehr als zwei Millionen Tonnen zu den gängigsten Alltags-Chemikalien. Benötigt wird BPA vor allem als Ausgangsstoff für Polycarbonat, einem transparenten und sehr festen Kunststoff. Aus Polycarbonat werden zum Beispiel CDs und DVDs gefertigt sowie Babyfläschchen und Trinkgefäße für Sportler - nicht jedoch die typischen Flaschen der Getränkeindustrie, die aus dem Polyester PET bestehen. Auch steckt Bisphenol A in Epoxidharzlacken, mit denen man die Innenseite von Getränke- und Konservendosen beschichtet.

Aus den Verpackungen können kleine Mengen der Substanz in die Nahrung wandern. Im Tierversuch zeigte sich, dass bereits Spuren davon wie ein Hormon auf den Organismus wirken und bei Neugeborenen Fehlbildungen und neurologische Störungen auslösen. Über die Wirkung auf den Menschen wird noch erbittert gestritten. Auf der einen Seite gibt es eine Reihe von industriefinanzierten Studien, die keine Effekte sehen. An ihnen orientierte sich die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, als sie eine tägliche Dosis von 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht als unbedenklich einstufte. Toxikologen kritisieren diesen Wert als viel zu hoch.

Auf öffentlichen Druck arbeitet Kanada bereits an einem Verbot von Babyflaschen aus Polycarbonat; von der in den USA zuständigen Behörde für Arzneimittel und Lebensmittelsicherheit FDA wird seit Monaten eine neue Richtlinie erwartet. Melzers Daten könnten nun eine Neubewertung notwendig machen.

Bislang lag das Hauptaugenmerk der Untersuchungen auf den hormonell empfindlichen Föten und Neugeborenen. Die neue Untersuchung an 1493 Amerikanern im Alter zwischen 18 und 74 Jahren zeigt jedoch, dass Bisphenol A auch älteren Menschen Probleme bereiten kann. Versuchsteilnehmer, die hohe Konzentrationen dieses Plastikgrundstoffs im Urin hatten, berichteten häufiger von Herzpoblemen als Probanden mit geringer Belastung (PLoS one, Bd.5, S.e8673, 2010). Die Daten bestätigen Beobachtungen von Melzer und seiner Forschergruppe aus dem Jahr 2008. Dies sei ausreichend, um den bislang vorsichtig formulierten "hypothetischen Zusammenhang" zwischen BPA-Belastung und Herzleiden als belegt anzuerkennen, sagt Melzer.

Da BPA im Allgemeinen mit der Nahrung aufgenommen wird, wurde nach der ersten Veröffentlichung noch ein möglicher Zusammenhang mit ungesunder Ernährung diskutiert. "Es wurde argumentiert, dass Menschen mit hohen BPA-Werten eventuell dicker sind als die Vergleichsgruppe mit niedrigen Werten, oder dass sie höhere Cholesterinwerte haben", sagt Melzer. "Doch wir konnten keinen Zusammenhang zwischen Körpergewicht oder Cholesterinspiegel und BPA finden.

Falls nur eine indirekte Verknüpfung zwischen der Chemikalie und der Erkrankung existiert, haben wir momentan keinen Hinweis auf die eigentliche Ursache." Die neue Studie ergänze allerdings Beobachtungen bei chinesischen Arbeitern in Bisphenol- und Epoxidharz-Fabriken aus dem vergangenen November, ergänzt Andreas Gies, Leiter der Abteilung Gesundheit und Umwelthygiene beim Umweltbundesamt. Bei ihnen hatte ein chinesisch-amerikanisches Forscherteam einen Zusammenhang zwischen BPA-Belastung und Sexualstörungen entdeckt. Mit zunehmender Menge im Blut sank die Libido der Arbeiter und Probleme mit Erektion und Ejakulation wuchsen.

"Bislang habe ich auf Vorträgen immer gesagt, dass ein Erwachsener das Pulver Löffelweise essen kann, ohne Probleme zu bekommen", sagt Gies. Nach den neuen Daten würde er nun dringend davon abraten.