Neues Urmel-Buch Ein besonders pföööönes Lehrbuch

"Urmel saust durch die Zeit" ist ein neues Buch aus der Urmel-Reihe, die eigentlich schon vor langer Zeit zu Ende war. Es soll Kindern die Evolution erklären - und ist trotzdem vor allem ein gewohnt unterhaltsames, pfiffiges Kinderbuch.

Von Markus C. Schulte von Drach

"Es war vor vielen Millionen Jahren ..."

Nein, ganz so lange ist es nicht her, aber immerhin 43 Jahre sind vergangen, seit Max Kruse mit diesem Satz das Kinderbuch "Urmel aus dem Eis" begann. Mit dem Buch, geschrieben für die Augsburger Puppenkiste, erschuf Kruse eine der bekanntesten Kinderbuch-Figuren.

Seit dem ersten Auftritt hat das Urzeit-Tier den Nachwuchs mehrerer Generationen begleitet, gemeinsam mit den übrigen Tieren aus Habakuk Tibatongs Tiersprachschule: der Schweinedame Wutz, Ping Pinguin, Wawa, dem Waran, und Schusch Schuhschnabel. Das Urmel und seine Freunde gehören neben dem Räuber Hotzenplotz oder Jim Knopf und Lucas, dem Lokomotivführer zu den unsterblichen Klassikern der Kinderbuchliteratur.

Nun ist ein neues Urmel-Buch erschienen - eine Überraschung für alle Urmel-Fans. Wohl niemand hatte damit gerechnet, dass Kruse, der inzwischen 91 Jahre alt ist, das "Bindeglied zwischen Dinosauriern und Säugetieren" auf eine weitere Reise schicken würde. Auch er selbst hatte nicht daran gedacht. Schließlich war die Urmel-Reihe 1975 beendet gewesen. Dann legte Kruse 1999, anlässlich des 30. Urmel-Geburtstags, und noch einmal im Jahr 2000 nach.

Anspruch mit Risiko

Nun, dreizehn Jahre später, gibt es also ein weiteres Urmel-Abenteuer. Und um gleich auf den Punkt zu kommen: Wer die früheren Urmel-Bücher mochte, der wird auch an "Urmel saust durch die Zeit" Freude haben. Denn Kruse ist sich treu geblieben. Er schreibt wie vor 40 Jahren - und warum auch nicht? Unsere Kinder mögen in einer veränderten Welt leben. Doch der bleibende Erfolg von Kruses früheren Büchern belegt, dass die kleine Tiergruppe um Professor Tibatong mit ihren sympathischen Sprachfehlern auch heute noch Kinder und Eltern anspricht. Oder weiß hier jemand nicht, was eine Mupfel ist?

Diesmal ist Kruse allerdings ein gewisses Risiko eingegangen. Zwar war Professor Tibatong in den früheren Büchern bereits als nachdenklicher Forscher aufgetreten, der den kleinen Lesern manches aus der Welt der Wissenschaft zu erklären versuchte. Doch diesmal ist das ganze Buch diesem Zweck gewidmet. Es soll Kinder mit der Evolutionstheorie bekanntmachen. Kruse hatte die Idee, das neue Urmel-Buch zu schreiben, auch nicht selbst. Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon hatte ihn danach gefragt.

Das Buch soll Aufmerksamkeit auf ein Projekt lenken, das das Ziel hat, Grundschulen mit Material zur Evolution zu versorgen. Denn in der Schule lernen die Kinder zwar einiges über die Hecke als Lebensraum oder den Aufbau von Sexualorganen. Doch obwohl sich viele in diesem Alter intensiv für Dinosaurier, Säbelzahntiger, Mammuts und Steinzeitmenschen interessieren, hören sie eher etwas von der Arche Noah als von der Evolution.

Wie Kruse jedoch kürzlich erklärte, hält er die "Evolutionstheorie für einen wesentlichen Teil der Aufklärung", die für ihn die "wichtigste geistige Leistung des Homo sapiens" ist. Deshalb überließ er dem Projekts "Evokids" das Urmel als Maskottchen und erklärte sich bereit, das neue Buch zu schreiben - unterstützt von Schmidt-Salomon.

Den Anspruch, über die Evolution informieren zu wollen, merkt man dem Buch zum Glück nicht an. Die Geschichte lässt sich wunderbar aus der Urmel-Sicht erklären: Immer schon war es auf der Suche nach anderen Urmeln, um nicht mehr das einzige seiner Art zu sein.

Natürlich nutzt es da die Gelegenheit, die die Zeitmaschine bietet, die Habakuk Tibatong konstruiert hat. Schließlich stammt das Ei, aus dem es geschlüpft ist, aus der Urzeit. Und nun soll diese Maschine Reisen in diese Zeit möglich machen? Wieder einmal treibt das Urmel die kindliche Neugier, deren Hohelied es bereits in der Augsburger Puppenkiste gesungen hatte: "Denn sonst wird das kleine Tindlein gar nie schöne Sachen seh'n."

Also schleicht sich das Urmel in den Raumzeitgleiter und drückt - selbstverständlich - sofort den Einschaltknopf, während Ping Pinguin, Wawa und der menschliche Schützling des Professors, Tim Tintenklecks, versuchen, es zurückzuhalten. Die vier stecken nun in dem Raumzeitgleiter fest und springen in die Vergangenheit bis vor die Entstehung der Erde. Von dort aus reisen sie in etlichen Schritten in die Gegenwart zurück. Und natürlich geraten sie bei ihren Ausflügen in die Urzeit-Welt in etliche Abenteuer, etwa mit einem Tyrannosaurus und den Vorfahren der Menschen.

Bis auf die typischen gelegentlichen Kommentare und Erklärungen des Professors, der mit den Zeitreisenden über ein besonderes Handy kommuniziert, hält sich Kruse mit wissenschaftlichen Informationen zurück. Es bleibt Professor Tibatong vorbehalten, interessierten Grundschülern die Entwicklung vom Ursprung des Lebens bis zum modernen Menschen dann in einem angehängten Vortrag ausführlicher zu erklären. Hoffentlich ist die Neugier der kleinen Leser oder Zuhörer von der Urmel-Geschichte dann so angestachelt worden, dass sie dranbleiben. Denn davon haben sie allemal mehr als von Geschichten über die Sintflut.

Max Kruse: Urmel saust durch die Zeit. Thienemann Verlag, Stuttgart 2013. 176 Seiten. 12,95 EUR. ISBN-978-3-522-18353-6. Ab 8 Jahren