IPCC-Weltklimabericht Noch ist die Welt zu retten

Die Symptome sind unübersehbar, die Krankheitsursachen nachgewiesen - und Heilmittel wären verfügbar. Die reichen Industrienationen scheuen aber bislang die Abkehr von fossilen Brennstoffen mehr als die Folgen der globalen Erwärmung. Dabei ist der Klimawandel eine größere Hypothek auf die Zukunft als alle Staatsanleihen dieser Welt.

Ein Kommentar von Patrick Illinger

In dem ansonsten arg krachigen Weltuntergangsfilm "2012" von Roland Emmerich gibt es eine komische Szene: Da reißt unter Los Angeles die Erdkruste auf, Häuser stürzen ein, und der Held ruft bei seiner getrennt lebenden Familie an, um sie zur Flucht zu bewegen. Das passe jetzt nicht, wettert seine Exfrau. Wie er sich das vorstelle? Es sei schließlich Samstag. Die Einkäufe sind noch nicht erledigt.

Klimaforscher werden die Szene goutieren. In der realen Welt bricht zwar die Erdkruste nicht in Stücke, Alarmismus und Weltuntergangsszenarien wären unangebracht. Und doch: Ein deutlicher Anstieg des Meeresspiegels, wie ihn der Weltklimarat für die kommenden Jahrzehnte prognostiziert, würde die moderne Zivilisation empfindlich treffen.

Aber es ist Samstag. Die Politik reagiert längst nicht mehr auf die Physik. Das ist schon seit Jahren offensichtlich, spätestens seit die Industrienationen bei der Klimakonferenz von Kopenhagen im Jahr 2009 die vorerst letzte große Chance vergaben, den Ausstoß menschengemachter Treibhausgase einzudämmen.

Mit dem neuen Weltklimabericht ist die Kluft zwischen Politik und Physik nun nicht mehr nur offensichtlich, sondern wissenschaftlich bewiesen. Mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von weniger als fünf Prozent, erklärt der IPCC, in dem Hunderte Wissenschaftler aus Dutzenden Ländern mitgewirkt haben, treiben anthropogene Treibhausgase die globale Erwärmung voran. Wohlgemerkt: Fünf Prozent Irrtumswahrscheinlichkeit, das ist die Signifikanz-Schwelle, bei der in der Medizin Heilmittel anerkannt oder verworfen werden.

In Sachen Klimawandel gilt somit: Die Symptome sind unübersehbar, die Krankheitsursachen nachgewiesen - und Heilmittel wären verfügbar. Doch das richtige Medikament ist denen, die es schlucken müssten, offenbar zu bitter. Es bestünde aus einer massiven Abkehr von fossilen Brennstoffen. Eine Therapie, welche die Industrienationen bislang mehr scheuen als die Folgen der globalen Erwärmung.

Dabei wird der Klimawandel auch jene Nationen empfindlich treffen, die maßgeblich zu dem rekordverdächtigen Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre beitragen. Wenn die Meeresspiegel steigen, werden erstens die Bevölkerungen tief gelegener Regionen wie Bangladesch und vieler Inselstaaten neue Lebensräume aufsuchen müssen.

Zweitens werden jene Küsten überschwemmt, an denen die reichen Länder unvorstellbare Mengen von Immobilien angehäuft haben, auch die für die Globalisierung so bedeutenden Hafenanlagen. Der Klimawandel wird nicht nur arme Regionen treffen, die der Weltgemeinschaft vermutlich so egal sind wie Darfur oder der Amazonas, sondern auf vielfältige Weise auch die vermeintlich unverwundbare, hinter ihren zivilisatorischen Errungenschaften verschanzte reiche Welt.

Den Klimawandel zu ignorieren ist nach heutigem Stand des Wissens eine größere Hypothek auf die Zukunft als alle Staatsanleihen dieser Welt. Doch es ist Samstag. Das passt jetzt gerade nicht.