Mobiltelefone und Hirntumoren Auf der Suche nach möglichen Fehlern

Erst wenn dieses Intervall die Nulllinie ausschließt, bei der kein Einfluss des Mobiltelefons auf den Krankheitsverlauf zu erkennen ist, gilt das Ergebnis als signifikant. Dann erst können die Forscher zu 95 Prozent sicher sein, dass ihre Aussage über ein erhöhtes Risiko nicht auf Zufällen beruht.

Diese Signifikanz zeigt sich sowohl bei dem um 40 Prozent erhöhten Risiko der intensiven Nutzer und der Lokalisation ihrer Tumore als auch beim scheinbaren Schutz vor Krebsbefall im Mittel über alle Teilnehmer. Es ist also nicht möglich, die widersprüchlichen Aussagen ohne stechende Argumente als falsch abzutun.

Die Forscher haben darum viel Zeit und Mühe auf die Suche nach möglichen Fehlern verwendet. Als wichtigsten haben sie eine Verzerrung bei der Auswahl der Kontrollpersonen ausgemacht. Diese wurden ursprünglich durch Zufallsauswahl in offiziellen Melderegistern identifiziert. Nur gut die Hälfte der Angesprochenen hat sich aber die Zeit genommen, mit den Forschern einen Fragebogen auszufüllen. Darunter waren überproportional viele Handybenutzer.

Hinzu kommt, vermutet Joachim Schüz, dass manche Krebspatienten im Anfangsstadium ihres Leidens kein Handy angeschafft haben, weil sie die ersten neurologischen Symptome daran hinderten, es sinnvoll zu benutzen.

Beide Fehler addieren sich: Wenn die gesunden Kontrollpersonen in höheren Maß, die Kranken aber in geringerem Maß als erwartet ein Handy benutzten, dürfte die Studie das wahre Risiko unterschätzen - sogar bis zum Punkt, dass für die Gesamtgruppe ein scheinbarer Schutz herauskommt.

Die Frage, die sich den Forscher stellte, ist nun, ob dieser Fehler auch die Resultate für die intensiven Nutzer unbrauchbar macht. Eine große Gruppe von ihnen bestreitet dies genauso wie zum Beispiel der unabhängige Experte Eberhard Greiser.

Außerdem haben einige andere Studien bereits für genau die gleiche Gruppe intensiver Nutzer und auch für Gliome ermittelt, dass Handygebrauch das Risiko einer Erkrankung um 25 bis 100 Prozent erhöht. Die Interphone-Gruppe hat darum die Daten in mehreren zusätzliche Analysen mit anderen Auswertemethoden oder einem anderen Zuschnitt der Kontrollgruppe durch den Computer gejagt und das signifikante Risiko der intensiven Nutzer jedes Mal bestätigt.

Signifikantes Risiko bestätigt

Mehrere zusätzliche Analysen der Interphone-Daten mit anderen Auswertemethoden oder einem anderen Zuschnitt der Kontrollgruppe bestätigen das signifikante Risiko der intensiven Nutzer.

Die Forscher haben sich auch mit der Frage beschäftigt, ob sich ihre Versuchspersonen vielleicht nicht mehr korrekt an ihren Handygebrauch erinnern konnten - bei Patienten mit Hirntumoren ist das ein naheliegender Zweifel. In zusätzlichen Analysen hatte sich allerdings kein klares Muster gezeigt, weil die Wenigtelefonierer die Dauer offenbar unter- und die intensivsten Nutzer die Dauer übertrieben hatten.

Manche Werte konnten die Forscher allerdings kaum glauben. So hatten 38 Tumorkranke und 22 Kontrollpersonen angegeben, ihr Handy jahrelang täglich mindestens fünf Stunden benutzt zu haben. Diese Angaben nachträglich herunterzustufen, änderte kaum etwas an dem Ergebnis.

Erst als die Angaben dieser Teilnehmer als vollkommen unzuverlässig angesehen und aus der Analyse ausgeschlossen wurden, verlor das erhöhte Risiko für intensive Nutzer knapp seine statistische Signifikanz.

Andererseits weisen die Forscher darauf hin, dass die Ergebnisse der Teilgruppen nicht wie erwartet angeordnet sind. Sie hatten ihre Probanden nach der Gesamtzahl der am Handy verbrachten Stunden in Zehn-Prozent-Gruppen eingeteilt, und nur bei der obersten hatte sich die Risikoerhöhung gezeigt.

Die Werte der unteren neun Gruppen waren aber nicht mit zunehmenden Gebrauch langsam angestiegen. Das spräche eher "dagegen, dass es sich (bei Handys und Krebs, d. Red.) um Ursache und Effekt handelt", heißt es in dem Abschlussbericht.

Dennoch haben sich alle Forscher gemeinsam dafür entschieden, die herausstechenden Resultate nicht nur zu nennen, sondern auch in der wichtigen Zusammenfassung auf der ersten Seite anzusprechen.

"Wir haben es hervorgehoben, weil wir es für angemessen hielten, das zu tun", sagte der australische Forscher Bruce Armstrong von der Universität Sydney lokalen Medien. Die Forscher fürchten nämlich von der Entwicklung überrannt zu werden.

"Der Handygebrauch heute, besonders bei Kindern und Jugendlichen, ist viel stärker als bei all unseren Versuchspersonen", sagt Elisabeth Cardis. Andererseits strahlten heutige Handys weniger als Modelle vor zehn Jahren, ihre Besitzer nutzten mehr Freisprecheinrichtungen und schrieben häufiger SMS.

Cardis zieht, wie viele ihrer Kollegen, daraus eine persönliche Konsequenz: "Wo immer möglich sollte man die Wirkung des Handys auf das Gehirn reduzieren."