Meteorologische Erklärung für "Sandy" Rezept fürs Desaster

Der Sturm "Sandy" ist deshalb so extrem, weil gleich mehrere meteorologische Faktoren zufällig zusammengekommen sind: ein besonders warmer Golfstrom, ein Hochdruckgebiet bei Grönland und arktische Luft über den USA. Experten nehmen an, dass auch der Klimawandel eine Rolle gespielt hat.

Von Markus C. Schulte von Drach

Hurrikane vor der Ostküste der USA und dem Golf von Mexiko sind nicht ungewöhnlich - im Gegenteil. Das mussten schon die Spanier feststellen, die im 16. bis 18. Jahrhundert etliche Galeonen mit Gold und Silber aus Mexiko und Peru in Stürmen vor der Küste Floridas verloren. Doch die Wirbelstürme beschränken sich nicht auf den Süden der USA. Selbst Neuengland im Nordosten und auch die Stadt New York wurden hin und wieder von Hurrikans heimgesucht.

Doch Sandy ist ein Sonderfall, ein "in mehrerer Hinsicht ungewöhnlicher Sturm", wie der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung in seinem Blog feststellt.

Zum einen ist da natürlich seine immense Größe. Außerdem ziehen Tropenstürme über dem Ozean vor der Ostküste der USA meist in Richtung Norden und biegen nicht mehr nach Westen, zur Küste selbst, ab. Und schon gar nicht mit einer solchen zerstörerischen Kraft.

Denn normalerweise werden Wirbelstürme, die warmes Wasser benötigen, im kühleren Nordatlantik schwächer. Ihre Intensität hängt offenbar direkt mit der Oberflächentemperatur des Meeres zusammen.

Sandy aber wollte auch im Norden nicht nachlassen. Und das liegt an einer "meteorologisch irrsinnigen Kombination von Zutaten, die hier zusammenkommen", schreibt US-Meteorologe Stu Ostro von The Weather Channel.

Das Wasser des Golfstroms, der vom Golf von Mexiko aus nach Norden fließt und dann nach Osten, in Richtung Europa, abbiegt, ist dieses Jahr wärmer als gewöhnlich. Damit wird gewissermaßen die Energiezufuhr des Sturms, die im Norden normalerweise versiegt, aufrecht erhalten. Dazu kommt, dass ausgerechnet jetzt ein außergewöhnlich starkes Hochdruckgebiet bei Grönland Sandy den Weg nach Norden versperrt hat, so dass der Sturm nach Westen ausgewichen ist.

Aus dieser Richtung aber kommt ihm über dem Festland der USA kalte Luft entgegen, die aus den arktischen Regionen stammt und weit genug nach Süden vorgedrungen ist, um auf Sandy zu treffen.

Und wo die warme, tropische Luft, die Sandy transportiert, auf die Kaltluft stößt, gewinnt der Sturm weiter an Energie. Der ehemals tropische Hurrikan ersetzt hier seine bisherige Energiequelle, das warme Meerwasser, gegen eine neue. Sandy ist somit inzwischen ein Zyklon, der wie ein Hurrikan inmitten eines Nor'easter, einem großflächigen Sturm mit Winden aus Nordosten, aussieht.

Weitere Faktoren, die im Hintergrund mitwirken, und die Ausmaße der Katastrophe beeinflussen, hängen möglicherweise mit dem Klimawandel zusammen.

So habe eine Reihe von Studien in den vergangenen Jahren gezeigt, dass eine geringe Eisausdehnung in der Arktis eine Hochdrucklage über Grönland im folgenden Herbst/Winter begünstigt, schreibt Klimaforscher Rahmstorf.

Noch nie zuvor ist ein so großer Eisverlust beobachtet worden wie 2012, erklärt Andrew Freedman auf der Homepage der Organisation Climate Central. Dadurch entstünden weitere große Flächen offenen Wassers, die von der Sonne aufgeheizt werden. Dadurch gerät mehr Wasserdampf in die Atmosphäre, was das Wetter beeinflusst.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Eis Grönlands, dem Hoch dort und Sandy gibt, sei zwar nicht belegt,stellt Stefan Rahmstorf fest, dürfe aber vermutet werden.

Selbst einen Zusammenhang zwischen den Folgen der Sturmflut und dem Klimawandel vermutet der Experte. Der Meeresspiegel sei infolge der globalen Erwärmung in den vergangenen 100 Jahren weltweit um 20 Zentimeter angestiegen. Und jene Zentimeter, die eine Sturmflut aufgrund des fortschreitenden Anstiegs höher ist als sie ohne Klimawandel wäre, kann Rahmstorf zufolge darüber entscheiden, ob etwa die New Yorker U-Bahn überflutet wird, oder nicht.

Den Experten der amerikanischen Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA zufolge dürfte sich Sandy innerhalb der nächsten drei Tage als Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von maximal 40 Knoten (74 Kilometer pro Stunde) über Land weiter nach Nordwesten bewegen, vor dem Erie-See nach Nordosten abbiegen und seinen Weg als Tiefdruckgebiet mit nachlassender Windgeschwindigkeit über den Ontario-See in Richtung Kanada fortsetzen. Größere Schäden sind dann vermutlich nicht mehr zu erwarten.

Ottawa wird Sandy voraussichtlich nur noch als "frischer" oder "starker Wind" mit einer Windgeschwindigkeit von maximal 25 Knoten (46 Kilometer pro Stunde) überqueren, Montreal und Quebec passieren und sich am Freitag westlich des Sankt-Lorenz-Golfs befinden.

Eine interaktive Karte der NOAA mit dem Weg von Sandy bis zum Freitag finden Sie hier.

Hier finden Sie eine Karte, die die Windströme über den USA zeigt.