Medizin Wenn sich Kranke als Versager fühlen

Verbotene Früchte oder gesunder Genuss? Kaum eine Speise, kaum eine Alltagsverrichtung wird der moralischen Bewertung entzogen.

Krankheit wird zunehmend als Schuld wahrgenommen. Selbst Kerngesunde plagt permanent ein schlechtes Gewissen, nicht genug für ihren Körper zu tun. Was für ein Irrweg.

Von Werner Bartens

Anna denkt, dass ihr Arzt sie für ziemlich faul hält. Die 42-Jährige versucht immer wieder abzunehmen, aber es gelingt ihr einfach nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Mann und ihre Kinder erwarten, dass sie jenes Essen kocht, das sie selbst für ungesund hält. Peter ist 73 und es fällt ihm schwer, auf das zu verzichten, was er als "Seelennahrung" bezeichnet. Damit meint er Schokolade. Für seine Stimmung und seinen Gefühlshaushalt wäre das so wichtig. Manchmal, er gibt es zu, gönnt er sich immerhin ein Glas Rotwein. Katy, 65, würde von ihrem Arzt am liebsten auf eine einsame Insel geschickt werden - dann würde sie nicht immer durch ungesundes Essen in Versuchung geführt werden.

Die Menschen, von denen hier die Rede ist, müssen auf ihre Ernährung achten, sie sind Diabetiker. Essen sie zu viel, zur unrechten Zeit oder schlicht das Falsche, entgleist womöglich ihr Blutzuckerspiegel. Sie fallen in den Unterzucker - oder überschwemmen ihr Blut mit zu viel Glukose, was ihnen auch nicht gut bekommt. Viele Diabetiker haben ihr Leiden jedoch gut im Griff und können einen nahezu normalen Alltag führen.

"Uns hat daher verblüfft, mit welcher Wucht Zuckerkranke vor allem ein Thema beschäftigt: Verzicht", sagt Wolfgang Himmel, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Göttingen. "Ihr Denken, ihr Tun, ihre Wahrnehmung - alles kreist um eine moralische Prüfung: Beweisen zu müssen, dass man sich immer maßvoll, immer diszipliniert, immer gesund verhält."

Im Fachmagazin BMJ Open haben Himmel und sein Team kürzlich beschrieben, wie schmerzhaft es für Diabetiker ist, geliebten Genüssen zu entsagen. Gleichzeitig spüren sie moralischen Druck, sich zu mäßigen und nicht in den Exzess zu verfallen, wie die Interviews zeigen. Gelingt dies nicht, halten sich die Patienten für Versager, die ihr Leben nicht im Griff haben und die daran scheitern, genügend für ihre Gesundheit zu tun. Sie unterwerfen sich der Diktatur einer Gesinnungspolizei: Nicht nur im Sprechzimmer des Arztes, sondern auch in der Familie und im Freundeskreis sehen sich die Kranken permanenter Kontrolle ausgesetzt. Medizinische Befunde wie der Blutzuckerspiegel, das Gewicht oder der HbA1c-Wert, der ein Maß für die Blutzuckereinstellung ist, werden zu moralischen Prüfmarken für ein ausreichend abstinentes Leben.

Der Imperativ, ein gesundes Leben zu führen, hat allerdings nicht nur Kranke erfasst. Immer mehr Menschen wollen nicht nur gut leben, sondern im Bestreben nach Gesundheit und Wohlbefinden auch alles richtig machen. Immer nach Plan: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, die passende Balance zwischen Arbeit und Erholung sind Klassiker dieser Optimierungsversuche. Zufrieden sind die wenigsten, denn schließlich gibt es immer etwas zu verbessern - mehr Sport, mehr Gemüse, mehr Entspannung.

"Etliche Gesunde haben latent ein schlechtes Gewissen, weil sie meinen, falsch oder ungesund zu leben", sagt der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Essen, Sport und Gesundheit sind zur Ersatzreligion geworden. Es geht zwar nicht mehr um ein Leben nach dem Tod, aber immerhin um die Hoffnung auf ein längeres Leben."

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