Luftverschmutzung Die Bleizeit

Menschen vergiften schon viel länger als gedacht die Umwelt: Ein Gletscher-Archiv zeigt, dass Europas Luft schon viele Jahrhunderte vor der industriellen Revolution voller Blei war. Ein natürlicher Wert stellte sich nur einmal ein - während der Pestepidemie.

Von Marlene Weiss

Die Luft zur Zeit der großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert in Europa war alles andere als erfrischend. Wo immer der Schwarze Tod wütete, stank es bald nach Verwesung, nach den Feuern, in denen die Kleider der Toten verbrannt wurden, oder nach Rauch, der den Pesthauch vertreiben sollte. In einer Hinsicht jedoch war die Atemluft damals ungewöhnlich sauber: Niemals sonst in den vergangenen 2000 Jahren war ihr Bleigehalt auch nur annähernd so niedrig wie während der Jahre der Pestepidemie - durch die Seuche kam fast der gesamte Bergbau zum Erliegen.

Die Bleibelastung der Luft setzte nicht erst mit Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert ein. Wissenschaftler um Alexander More von der Harvard University haben aus dem uralten Eis des Colle-Gnifetti-Gletschers in den Walliser Alpen für fast jedes Jahr der vergangenen zwei Jahrtausende die Bleibelastung abgelesen; es ist das erste Mal, dass eine so detaillierte Analyse für eine so lange Zeit gelungen ist. Ihre Ergebnisse haben die Forscher nun im Fachblatt Geo Health veröffentlicht. Demnach schwankt der Bleigehalt im Eis - eingetragen aus der Luft - von Beginn unserer Zeitrechnung bis ins 19. Jahrhundert hinein meist um etwa 100 Nanogramm pro Liter. Danach steigt er steil an bis in die 1980er-Jahre hinein, als sich Maßnahmen wie die Einführung von bleifreiem Benzin bemerkbar machten; das Eis der jüngsten Jahre zeigt wieder ähnlich viel Blei wie das aus der Zeit vor der industriellen Revolution. Im Eis aus den Pestjahren von 1347 bis 1353 jedoch bricht schlagartig der Bleianteil ein, zeitweise auf weniger als ein Nanogramm pro Liter, ein Hundertstel des ursprünglichen Wertes. In den Jahrhunderten davor und danach hingegen war die Atemluft durch Bergbau und Metallverhüttung bereits deutlich mit Blei verschmutzt - vermutlich auf ähnlichem Niveau wie heute.

Blei ist für Mensch und Natur giftig. Zwar seien die Werte in der Luft inzwischen so niedrig, dass sich die meisten Menschen keine Sorgen machen müssten, sagt Rudolf Schierl, Chemiker am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Klinikum der Universität München - sofern sie nicht Hobbys wie Sportschießen oder Töpfern pflegten, bei denen es durch Blei in Munition oder Glasuren zu problematischen Belastungen kommen kann. "Besonders für Kinder gibt es aber keinen ganz sicheren Grenzwert; je weniger Blei sie aufnehmen, desto besser", sagt Schierl. Auch in geringen Dosen kann Blei bei Kindern die Gehirnentwicklung schädigen. In Deutschland werden inzwischen laut Umweltbundesamt meist weniger als fünf Prozent des europäischen Grenzwerts gemessen; damit dürfte das Schwermetall eines der kleineren Probleme in der Atemluft sein. Trotzdem ist der Stoff sicher nicht gesund.

Der Gletscher ist wie ein Archiv, das bis in die Zeit des römischen Kaisers Augustus zurück reicht

Wie viel Blei genau in früheren Zeiten in der Luft war, verrät das Eis zwar nicht ohne Weiteres. "Es ist schwer, auf die exakte Konzentration in der Luft zu schließen", sagt die Glaziologin Helene Hoffmann von der Universität Heidelberg, die an der Arbeit beteiligt war. Aber man sieht an den Schwankungen im Eis, wann mehr und wann weniger Blei in der Luft gewesen sein dürfte. Dafür haben Hoffmann und ihre Kollegen auf dem Gletscher 72 Meter tief ins Eis gebohrt. In Labors in der Schweiz, in Deutschland und den USA wurden mehrere Längsschnitte der Proben dann auf winzige Verunreinigungen analysiert: mal mit dem Laser beschossen, mal schichtweise abgeschmolzen, mal auf das Kohlenstoff-Isotop C14 untersucht. Für künftige Untersuchungen bleibt ein kompletter, unversehrter Längsschnitt des 72-Meter-Bohrkerns am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven tiefgekühlt aufbewahrt.

So konnten die Wissenschaftler den Verlauf der Zeit im Eis präzise zurückverfolgen, ähnlich der Jahresring-Methode bei Bäumen: "Die Spurenstoffe im Eis zeigen ein ganz klares jahreszeitliches Signal", sagt Hoffmann. "Ammonium zum Beispiel wird frei, wenn Pflanzen absterben, das ist immer im Sommer da und im Winter nicht." Am Ende hatten sie eine fast lückenlose Zeitreihe der Bleiwerte - weit zurück bis in die Zeit des römischen Kaisers Augustus.

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