Leben mit der Doppelmoral Die Lizenz zur Sünde

Ein konservativer Politiker geht zu einem Callgirl. Ein angesehener Wirtschaftsboss hinterzieht Steuern: Warum gerade erklärte Moralisten oft zu sexuellen Eskapaden, Rassismus und Betrug neigen.

Von Sebastian Herrmann

Ausgerechnet er. Ausgerechnet Eliot Spitzer. Der ehemalige Gouverneur des US-Bundesstaats New York hatte sich doch als Kämpfer gegen die Prostitution profiliert.

In seiner Amtszeit ließ er Freier verfolgen, er ging gnadenlos und erfolgreich gegen Menschenhandel vor und zerschlug Zuhälterringe. Menschenrechtler applaudierten dem Mann, der als Hüter von Anstand, Moral und Gesetz auftrat. Dann ließ sich Spitzer mit einem Edel-Callgirl erwischen.

Ausgerechnet Ted Haggard. Der Mann galt dem Time Magazine als einer der einflussreichsten evangelikalen Christen der USA. Er pries Gott, lobte den Wert der Familie und predigte gegen Homosexuelle. Dann beschuldigte ihn ein Stricher, Haggard habe ihn über Jahre für Sex bezahlt. Und man habe gemeinsam Drogen konsumiert.

Ausgerechnet der Träger des Bundesverdienstkreuzes, Klaus Zumwinkel. Für besondere Leistungen in Politik, Wirtschaft oder sozialen Bereichen hatte er die Auszeichnung bekommen. Dann versteckte der ehemalige Postchef sein Geld in Liechtenstein vor der Steuer.

Und ausgerechnet Oskar Lafontaine, der sich als Kämpfer für Menschen am Existenzminimum profiliert und die Gier der Bosse geißelt. Er, Vorsitzender der Partei Die Linke, ließ sich eine protzige Villa im französischen Landhausstil bauen.

Das passt doch alles nicht zusammen, oder? Doch, es passt. So funktioniert er, der Mensch. Fragt man Psychologen, klingt es, als wohne dem widersprüchlichen Verhalten der beschriebenen Männer eine Gesetzmäßigkeit inne.

Widersprüchliche Wirkungen

So zeigt sich in zahlreichen Studien, dass Menschen, die sich öffentlich als moralisch besonders integer profilieren, eher dazu neigen, gegen genau diese Normen zu verstoßen. Ganz so, als brauchten sie den Kitzel einer besonderen Fallhöhe. Das Verhalten und die Motive eines Eliot Spitzer und anderer lassen sich im Einzelfall damit zwar nicht erklären.

"Man weiß nicht, was ist Ursache und was ist Wirkung", sagt der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Universität München, "doch die Inkonsistenz, auf der einen Seite moralisch für etwas einzutreten und sich auf der anderen Seite diskrepant dazu zu verhalten, ist weit verbreitet." So bieten die Erkenntnisschnipsel aus den Laboren von Psychologen einen erhellenden Blick auf das ambivalente Wesen Mensch.

Zum Beispiel die Studie, die der Psychologe Daniel Effron von der Universität Stanford jüngst im Journal of Experimental Social Psychology (Bd. 45, S. 590, 2009) veröffentlichte. Die Ergebnisse wecken den Eindruck, als habe die Wahl von Barack Obama eine bizarre Nebenwirkung.

Es scheint, als verleite ein dunkelhäutiger Präsident im Weißen Haus manche Menschen erst recht dazu, rassistische Meinungen zu äußern. Und zwar genau diejenigen, die eigentlich für Obama sind. "Den Obama-Effekt" nannte das britische Wissenschaftsmagazin New Scientist diesen seltsamen Zusammenhang.

Wie kann das sein? "Entscheidend ist, dass den Menschen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Unterstützung für Obama öffentlich zu äußern", sagt Daniel Effron. Seine Probanden mussten entscheiden, ob ein schwarzer oder weißer Bewerber für einen Job in einer Polizeidienststelle besser geeignet sei, deren Beamte für rassistische Ansichten bekannt sind. Der Bewerber müsse besonders ehrlich, integer und intelligent sein, hieß es.

Das einwandfreie Selbstbild

Fragte Effron die Probanden vor dem Test nach ihrer politischen Einstellung, änderte sich die Entscheidung der Teilnehmer: Wer den Demokraten Obama favorisierte und dies kundtat, der wollte eher keine farbigen Polizisten in das fiktive Revier schicken. Obama-Unterstützer, die erst im Anschluss an den Test nach ihrer politischen Einstellung gefragt wurden, trauten eher den dunkelhäutigen Bewerbern die Stelle zu.

Unterstützung für Obama zu bekunden sei vergleichbar damit, eine Aussage mit einem Satz einzuleiten, wie: "Viele meiner Freunde sind Schwarze, aber ...", sagt Effron. Dies verleihe einem Menschen die moralische Glaubwürdigkeit, die er brauche, um im Anschluss eine Aussage zu treffen, die genau gegen diese Normen verstößt.

Ähnlich argumentiert die Psychologin Cheryl Kaiser von der Universität Washington. Sie berichtet im Journal of Experimental Social Psychology (online), dass seit Obamas Wahlsieg weniger Menschen die Finanzierung von Programmen gegen Rassendiskriminierung unterstützen. Natürlich ließe sich argumentieren, dass so etwas seit dem Wahlsieg eines schwarzen Amerikaners auch nicht mehr so dringend nötig wie zuvor sei.

Aber es gibt eine andere Erklärung: "Amerikaner, die für Obama gestimmt haben, könnten daraus ableiten, dass sie besonders egalitär eingestellt seien", sagt Kaiser. "Dieses Selbstbild könnte ihnen die vermeintliche moralische Glaubwürdigkeit liefern, um einer Politik, die Minderheiten hilft, die Unterstützung zu entziehen."