Klimawandel Rülpser oder Bäuerchen?

Unter Wissenschaftlern wird heftig diskutiert, wie schnell der Klimawandel das Methan aus dem Permafrost der Arktis befreit - und was das die Menschheit kosten wird. Es geht um Billionen Dollar.

Von Christopher Schrader

Was mit den riesigen Mengen an Methan passieren könnte, die im Permafrost am und unter dem Polarmeer gespeichert sind, ist eine der großen Unbekannten der Klimaforschung.

Methan ist ein potentes Treibhausgas, und die Mengen sind gewaltig: Die Rede ist von 50 Gigatonnen Methan. Kämen sie zum Beispiel über 35 Jahre verteilt frei, würde sich der von den momentanen CO2-Emissionen verursachte Erwärmungseffekt wohl verdoppeln.

Solche Spekulationen lösen regelmäßig intensive Debatten unter Wissenschaftlern aus. So war es zum Beispiel bei einer Kalkulation, über die vor einigen Wochen auch die Süddeutsche Zeitung berichtet hatte ("Ein teurer Rülpser", 25. Juli). Damals hatte in Nature ein dreiköpfiges Forscherteam um Gail Whiteman von der Erasmus-Universität Rotterdam eine ökonomische Hochrechnung präsentiert, welche Kosten auf die Weltwirtschaft zukämen, wenn die ganze Menge Methan innerhalb von zehn Jahren zwischen 2015 und 2025 frei würde.

Ihr Ergebnis: Bis 2200 könnten sich die zusätzlichen Schäden auf insgesamt 60 Billionen Dollar summieren, immerhin in der gleichen Größenordnung wie die momentane Weltwirtschaftsleistung eines Jahres. Diese Kosten wären der Berechnung zufolge nicht nur viel höher als die möglichen Gewinne durch kürzere Schifffahrtsrouten und das Bohren nach Öl und Gas rund um den Nordpol - sie würden auch zu 80 Prozent in armen Entwicklungsländern entstehen.

Jetzt haben sich im gleichen Blatt zwei Forscherteams mit Leserbriefen zu Wort gemeldet, die die Prämisse von Whiteman und ihren Kollegen anzweifeln: nämlich dass so viel Methan so schnell freikommt. Es wäre eine um den Faktor Tausend erhöhte Emission, schreiben drei deutsche Wissenschaftler um Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, und es gebe keine Anhaltspunkte in der Erdgeschichte, dass das möglich sei.

Auch schwedische Forscher halten das Szenario aus der Whiteman-Berechnung für unwahrscheinlich (Bd. 500, S. 529, 2013). Bereits im SZ-Artikel hatte Hans-Wolfgang Hubberten vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam erklärt, eine solche schlagartige Freisetzung über wenige Jahrzehnte sei unrealistisch.

Im Sommer 2012 hatten Wissenschaftler vom Kieler Forschungszentrum Geomar zudem Methanhydrate - eine Art Eis aus dem Gas - am Meeresboden vor Spitzbergen untersucht. Sie fanden in der Tat Orte, von denen Methan aufstieg, aber das tat es offenbar schon lange.

"Wir haben an einigen der Austrittsstellen Krusten gefunden, die möglicherweise schon mehrere hundert Jahre alt sind", sagte der Expeditionsleiter Christian Berndt. Demnach wäre die Freisetzung zumindest keine Reaktion auf die momentane Erwärmung.

Das Team um Whiteman beharrt allerdings in einer Antwort auf seiner Berechnung. Es werde seit 2005 im Polarmeer regelmäßig viel wärmer, als frühere Studien angenommen hatten. Ein Auftauen des Permafrosts am Meeresboden wäre also aufgrund der vorliegenden Daten nicht kategorisch auszuschließen.

Die Forscher hatten in ihrer Berechnung auch nur gesagt, die Freisetzung des Methans sei "wahrscheinlich", sobald sich der Meeresboden erwärme. Zudem verteidigen sie ihre Kostenzahlen mit dem Argument, eine Freisetzung über 50 oder 75 Jahre werde sogar noch teurer werden, weil weniger Zeit für die Diskontierung der Kosten bleibe.

Wahrscheinlich wird das die Diskussion zu dem Punkt nicht beenden. Die Kritiker haben aber womöglich übersehen, dass sich die Whiteman-Veröffentlichung als Abschätzung des möglichen Risikos verstehen lässt. Viele Studien in der Klimaforschung haben diesen Charakter. Ohnehin hatte Nature die Berechnung nicht als Forschungsaufsatz, sondern als Kommentar gedruckt.