Minimalkompromisse beim Klimagipfel Warschauer Trippelschritte

Eigentlich sollte die Klimakonferenz in Warschau ein wichtiger Schritt werden - hin zu einem Klimaabkommen. Am Ende haben sie sich in allen Fragen einigen können, doch häufig nur auf Minimalkompromisse. Und beinahe wäre alles noch an einem einzigen Wort gescheitert.

Von Michael Bauchmüller, Warschau

Er könne ja, sagt der Delegierte von den Fidschi-Inseln, wirklich jedes einzelne Wort der Abmachung akzeptieren. Bis auf ein Wort: unter. Es war die letzte große Eskalation der Klimakonferenz in Warschau, schon 24 Stunden nach dem eigentlich geplanten Ende. Große Streitfragen sind schon ausgeräumt, doch jetzt beißen sich die Staaten an einem Mechanismus fest, der den Betroffenen des Klimawandels Hilfe sichern soll. Und da geht es jetzt um jedes Wort.

Es war ein Abschluss wie die ganze Konferenz - ein Zerren um jedes Wort. Soll der neue "Warschau-Mechanismus", der ärmsten Ländern einen Ausgleich für Klimaschäden verschaffen könnte, nun "unter" einem anderen Mechanismus angesiedelt werden oder daneben?

Schon vor der Konferenz hatte sich abgezeichnet, dass dieser Mechanismus für Ärger sorgt. Es geht um den so genannten "loss and damage", also Verlust und Schaden in den Entwicklungsländern. Irgendwie soll er reguliert werden, das hatten die Staaten schon bei der letzten Klimakonferenz vorgenommen - und sich dann um genau ein Jahr vertagt.

Nächtelang verhandelten arme und reiche Länder nun darüber in Warschau. Die armen Länder hofften auf Ausgleich für Schäden, die reichen fürchteten einen Automatismus, der unkalkulierbare Kosten nach sich zieht. Inzwischen gibt es einen Kompromiss - nur findet sich da schon im ersten Absatz die strittige Formulierung.

Wer soll wann was fest versprechen?

"Loss and damage könnte untergehen am Wort 'unter'", beschwor der Delegierte der Fidschi-Inseln. Dann fand sich eine Kompromissformel. So wird es den neuen Mechanismus also geben - aber besonders konkret sind die Abmachungen nicht.

Klimadiplomaten loben sie als Einstieg in eine neue Form von Gerechtigkeit zwischen reich und arm, Entwicklungsorganisationen sind anderer Meinung. "Das kann uns angesichts der Wirbelsturmkatastrophe in den Philippinen so nicht zufriedenstellen", sagte Thomas Hirsch von Brot für die Welt. "Diese Konferenz wird als ,Verlust und Schaden' in die Geschichte eingehen."

Es ist, nach all den Stunden Verhandlungen, ein Gipfel der kleinen Kompromisse. So einigten sich die Staaten auf einen Fahrplan für ein neues Klimaabkommen. Das soll 2015 in Paris geschlossen werden, 2020 in Kraft treten. Und damit das Unterfangen nicht ähnlich ausgeht wie 2009 in Kopenhagen, soll es diesmal ordentlich vorbereitet sein. Lange stritten die Staaten, wie viele Vorgaben sie sich jetzt schon geben wollen, also: wer wann was fest versprechen soll.

Schließlich gelang es Indien, den Fahrplan massiv abzuschwächen, mit denkbar weichen Formulierungen. Demnach sollen die Staaten nun bis zum Frühjahr 2015 nicht mehr feste "Zusagen" machen, wie stark sie ihre Emissionen mindern wollen - sondern stattdessen nur "Beiträge" zum Klimaschutz festlegen. Auch die rechtliche Form bleibt bis zuletzt offen: Die Konferenz von Paris könnte damit dereinst vor ähnlich großen Aufgaben stehen wie die in Kopenhagen.

Das "wir alle" gewinnt

Klimadiplomaten loben die Einigung dennoch, denn ein Zweifel ist nun ausgeräumt: Alle Staaten müssen sich beteiligen an der Kampf gegen die Erderwärmung, nicht nur die Industriestaaten. "In der neuen Welt, die wir nach 2020 bauen, müssen alle einen fairen Anteil tragen", sagte EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard. "Alle müssen sich fragen, was sie beitragen können." Ein Erfolg ist das allerdings vor allem, weil einige große Schwellenländer ganz anderes vorhatten: Sie wollten den Kampf gegen die Erderwärmung ganz allein bei den alten Industriestaaten abladen.

Auch den Streit um den milliardenschweren "Green Climate Fund" legten die Staaten schließlich bei. Er soll bis 2020 auf dann 100 Milliarden Dollar anwachsen. Entwicklungsländer hatten einen klaren Plan verlangt, wie das geschehen soll. Doch so konkret wurden die Staaten auch hier nicht. Zumindest steht da aber nun ein Passus, der den kontinuierlichen Aufwuchs der Mittel verlangt. "Wir haben nun die Leitplanken, um von Warschau nach Paris zu gelangen", lobte Polens Noch-Umweltminister Marcin Korolec, der Präsident der Konferenz - und das sichtlich erleichtert.

Denn noch am Samstagmorgen hatte es auf der Konferenz so ausgesehen, als müssten Minister und Unterhändler mit leeren Händen abreisen. So gesehen ist dann der kleinste Erfolg schon einiges wert. "Wir haben hier das Minimum erreicht", sagte Wael Hmaidan, Chef des Klima-Netzwerks Can International. "Aber wir haben, was wir brauchen, um im nächsten Jahr weiter zu verhandeln." Dann nicht mehr im Kohleland Polen - sondern in Lima, Peru.