Klatsch und Tratsch Zeit sparen mit Klatsch

Kursieren drei Geschichten über die Hilfsbereitschaft des neuen Kollegen und gleichzeitig ein einzelnes Gerücht darüber, wie er einmal ruppig Unterstützung verweigert haben soll, muss der Mitarbeiter demnach kaum um seinen guten Ruf fürchten. Wer einen Mitmenschen mit gezieltem Klatsch ins Abseits bringen will, muss also genau wissen, wie weit er gehen kann. "Klatsch ist nicht nur ein ernstes Geschäft", schrieb der Anthropologe Max Gluckman vor fast 50 Jahren, "sondern manchmal auch eine hohe Kunst."

Wie sich diese Kunst im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt hat, formulierte der Evolutionsanthropologe Robin Dunbar in einer berühmt gewordenen Theorie. Demnach begann der Siegeszug des Klatsches, als der Mensch in immer größeren Gemeinschaften lebte.

Das führte zu einem Dilemma: Einerseits konnte es für spätere Allianzen überlebenswichtig sein, jedes Wer-mit-Wem in der Gruppe mitzubekommen. Doch sich bei jedem Sippenmitglied persönlich auf dem Laufenden zu halten, kostete zu viel Zeit, schließlich gab es auch noch anderes zu tun, zum Beispiel das Jagen.

Dunbar zufolge war es dieses Zeitproblem, aus dem heraus sich die Sprache entwickelte - und mit ihr die Vorliebe für Klatsch. So konnte man sich mit wenig Aufwand über alles und jeden informieren, und zugleich stärkte das Tratschen über die neuen Marotten des Sippenchefs die Gemeinschaft: Klatsch als sozialer Kitt. "Während sich Affen stundenlang das Fell pflegen, tratschen Menschen ebenso lang über andere Personen, und in beiden Fällen hilft die gemeinsam verbrachte Zeit, soziale Bindungen zu stärken", schreibt Roy Baumeister.

Für den Sozialpsychologen von der Florida State University hat Klatsch eine weitere Funktion: Er helfe zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Mit Geschichten über das Schicksal anderer ließen sich nicht nur soziale Werte vermitteln, sondern auch konkrete Benimmregeln. Wenn etwa Eltern ihrem Kind beibringen wollen, eine Straße nicht blindlings zu überqueren, können sie es mit Argumenten oder Drohungen probieren - oder indem sie erzählen, wie der Nachbarjunge einmal beinahe mit einem Auto zusammengestoßen wäre. Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass die letzte, auf Klatsch basierende Methode die beste Wirkung zeige, so Baumeister. Auch unter Erwachsenen funktioniere diese Form des Lernens.

So hat die Wissenschaft hart daran gearbeitet, den Klatsch aus der Tut-man-nicht-Ecke herauszuholen. Doch Fragen bleiben. Warum zum Beispiel gieren so viele Menschen nach Details darüber, was zwischen Heidi Klum und Seal schiefgelaufen ist? Sozialer Kitt? Der Wille, den beiden zu helfen? Egal, es ist halt interessant.