Kernkraftwerke gehen vom Netz Wie Japan ohne Atomstrom lebt

Härtetest für Japans Energieversorgung: Vom 5. Mai an stehen alle Atommeiler still. Das Land hat keine Stromverbindung zum Festland, die Regierung hat wenig unternommen, um die japanische Energiepolitik zu reformieren. Aber die Japaner wollen das Risiko der Kernkraft nicht mehr eingehen - trotz der Warnungen vor Engpässen im Sommer.

Von Christoph Neidhart und Michael Bauchmüller

Der Countdown läuft, und er ist unerbittlich. Am Montag hat die Skandalfirma Tepco den Reaktor 6 im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa zur Routinekontrolle abgeschaltet: den letzten von 17 Atomreaktoren des Stromkonzerns, der die Millionen-Hauptstadt Tokio versorgt. Das gab es seit 40 Jahren nicht. Am 5. Mai soll auch Tomari-3 auf der Nordinsel Hokkaido vom Netz gehen. Dann ist die fernöstliche Wirtschaftsmacht atomstromfrei - jenes Land, das bis vor einem Jahr 30 Prozent seines Stroms aus Kernkraft hergestellt hat. Kommt es jetzt zu Blackouts und Rationierung?

Bisher jedenfalls merken die Japaner den Atomausstieg kaum. Der Alltag geht weiter wie bisher. Viele Private heizen ihre nichtisolierten Häuser noch immer mit Strom, die Innenstädte, besonders die Kaufhäuser, sind so grell beleuchtet wie vor der Fukushima-Katastrophe. Während die Industrie schon lange Strom spart, verschwenden der Handel, die Behörden und die Privaten bloß weniger. Vorigen Sommer hatte die Regierung mit Sparappellen ein Verbrauchs-Minus von zehn Prozent erreicht. Bis zu jenem Tag im September, an dem sie den Appell aufhob: Da stieg der Verbrauch um mehr als sieben Prozent.

Japan hat sich in das atomstromarme Schicksal längst gefügt, und schon im Sommer stehen die nächsten Appelle an, wenn mancher in Tokio auf die Klimaanlage auch einmal verzichten sollte. Was bleibt dem Land schon übrig?

Anders als etwa in Deutschland ist Japans Ausstieg nur informell - und wiegt doch wesentlich schwerer. Deutschland gilt weltweit derzeit als der radikalste Atomaussteiger. Schon eine Woche nach dem Unglück in Fukushima gingen acht Meiler vom Netz, wenige Monate später wurden sie per Gesetz stillgelegt. Damit erzeugen noch neun Reaktoren Strom, die schrittweise bis 2022 abgeschaltet werden sollen. Als Nächstes ist 2015 Grafenrheinfeld bei Schweinfurt dran.

Doch Deutschland ist eingebettet in ein europäisches Netz: Fehlt einmal Strom, können das Nachbarstaaten ausgleichen - mitunter abermals durch Atomstrom. Der Inselstaat Japan dagegen hat keinerlei Stromaustausch mit dem Festland. Die Stabilität ihres Systems müssen die Japaner schon selbst bewerkstelligen. Derzeit kaufen sie dazu massiv Gas ein, um fossile Kraftwerke damit zu befeuern. Damit nicht genug, ist auch das japanische Netz in sich gespalten: Der Osten des Landes arbeitet mit einer Schwingung von 50 Hertz, wie sie auch in Europa üblich ist. Im Westen Japans dagegen liegt die Schwingung bei 60 Hertz - das erschwert den Stromaustausch sogar innerhalb des Landes.

Auch Tepco hat inzwischen eingemottete Öl- und Kohlekraftwerke reaktiviert. Das aber geht am Strompreis nicht spurlos vorbei. Wegen des teuren Öls und ihrer geringen Effizienz produzieren die Kraftwerke sehr teuer. Der schwedische Experte Tomas Kåberger schätzt, die Kilowattstunde aus diesen Anlagen koste Tepco 40 bis 50 Yen, umgerechnet 36 bis 45 Cent. Zum Vergleich: Europas Strom kostet an der Leipziger Strombörse derzeit in der Spitze vier Cent je Kilowattstunde - damit ist er billiger als in den Tagen vor der Reaktorkatastrophe.

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