Kampf gegen die Depression Eine graue Bilanz

Trotz aller Fortschritte in der Therapie sind viele Depressive nicht zu heilen. Denn ihr seelisches Leiden ist mehr als eine moderne Volkskrankheit.

Von Christian Weber

Nun tagen sie wieder und verkünden die frohe Botschaft der Psychotherapie: Heilung ist machbar! 8000 Ärzte und Therapeuten werden sich von heute an auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin treffen, dem größten Kongress seiner Art in Europa.

Seit Wochen schon verschicken die DGPPN-Sprecher Pressemitteilungen mit Überschriften wie "Depression: Wenn die Welt im Grau versinkt." Darin werden führende Psychiater zitiert, die von der unterschätzten Volkskrankheit berichten und plastisch die Symptome der Schwermut schildern.

Am Ende jeder dieser Mitteilungen kommt dann unweigerlich das große Versprechen: Depressionen seien heute dank der Fortschritte in Psychotherapie und Pharmakologie gut behandelbar. So what? Auf zum Therapeuten!

Auf den ersten Blick lässt sich gegen derartige Kampagnen gar nichts einwenden. Wenn die Epidemiologen recht haben, leiden aktuell vier Millionen Menschen in Deutschland an Depressionen. 12.000 Suizide jährlich - die hohe Dunkelziffer nicht eingerechnet - künden davon, dass es hierbei um ein ernstes Problem geht.

Hinzu kommt, dass offensichtlich die Mehrzahl der depressiven Menschen falsch behandelt bleibt. Glaubt man den Fachverbänden, wird nur jede dritte Depression überhaupt als solche erkannt und noch nicht mal jede zehnte nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft therapiert.

Die Überdiagnostizierten

Berücksichtigt man dann noch die schlechten Compliance-Raten, also dass viele Patienten ihre Medikamente gar nicht einnehmen, erhalten womöglich nur 2,5 Prozent der Erkrankten die optimale Therapie. So weit, so schlecht.

Dennoch bleiben Zweifel, ob das Problem damit ausreichend beschrieben ist. Es beginnt schon mit dem Verdacht, dass es neben den Menschen, die den Gang zum Arzt vermeiden, auch eine große Zahl an Überdiagnostizierten gibt.

Das wird zum Beispiel jeder vermuten, der sich den Screening-Tests der Psychiater aussetzt, etwa auf der Webseite des Kompetenznetzes Depression: Wer dort bei den Fragen auf "Ja" klickt, ob man seit mehr als zwei Wochen an "gedrückter Stimmung", "Interesselosigkeit", unter "negativenZukunftsperspektiven" und "hartnäckigen Schlafstörungen"leidet, bekommt bereits den Rat: "Sie sollten Ihren Arzt konsultieren. Ihre Angaben weisen auf eine behandlungsbedürftige Depression hin."

Und ceterum censeo: "Übrigens: Depressionen sind in der Regel gut behandelbar." Diese Diagnose blinkt selbst dann auf, wenn man per Mausklick beteuert, dass man weder schwunglos sei, noch unter fehlendem Selbstwertgefühl, Konzentrationsschwierigkeiten, Schuldgefühlen, Appetitlosigkeit oder gar Todesgedanken leide. Nach solchen Tests fragt man sich, ob wohl jeder Jüngling mit Liebeskummer professioneller Hilfe bedarf?

Psychiater verteidigen derartige Screenings mit dem Argument, sie sollten verhindern, dass ihnen potentielle Patienten durch die Lappen gehen, der Fachmann werde die wirklich Kranken schon aussortieren. Mag sein, nur verhält es sich ja so, dass die Mehrheit der Depressiven nur vom Hausarzt behandelt wird, der eben nicht über die entsprechende Expertise verfügt.

Wenn man nun aber davon ausgeht, dass viele Menschen als Depressive eingestuft werden, die sich eigentlich nur eine Zeitlang der Melancholie hingeben, dann sind auch die Therapieerfolge der Zunft in einem neuen Licht zu sehen. Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 20 Prozent der Depressiven therapieresistent sind.

Evolutionäre Gründe des Grübelns

Der offiziellen Statistik zufolge wären das 800.000 Menschen. Wenn man nun von einer kleineren Grundgesamtheit der Erkrankten ausginge, dann wäre die prozentuale Erfolgsquote noch kleiner. Dabei ist noch nicht mal eingerechnet, dass die Studienlage gerade bei den Antidepressiva sehr umstritten und die Rückfallrate hoch ist.

Viele Psychiater und Psychotherapeuten scheuen die Diskussionen um fragwürdige Studien und Therapieresistenz, und sei es nur, weil sie Hilfesuchende nicht verwirren wollen. Sie vertun damit die Chance, nach den tieferen Gründen psychischer Krankheiten zu fragen.

Denn es mehren sich die Hinweise, dass die Depression eben nicht nur eine moderne Volkskrankheit wie Übergewicht ist, bedingt durch Leistungsstress und Überforderung. Sie findet sich nämlich in allen Zeiten und Kulturen, sei es bei den Ache-Indianern in Paraguay oder den !Kung-Buschleuten in Südafrika.

Das muss einen evolutionären Grund haben, behaupten Psychiater wie Paul Andrews und Anderson Thomson von der University of Virginia in einer Studie im Fachblatt Psychological Review (Bd.116, S.620, 2009). Darin argumentieren sie, dass die Beständigkeit der Depression daraufhin deute, dass die Krankheit auch gewisse Selektionsvorteile gebracht haben muss. Sie spekulieren, dass das für die Krankheit typische, andauernde Grübeln schon in prähistorischen Zeiten bei der Lösung komplexer sozialer Probleme hilfreich gewesen sein könnte.

Ob man aus solchen Einsichten dann gleich neue Therapieempfehlungen ableiten kann, wie Andrews und Thomson glauben, lässt sich diskutieren. Doch Studien wie ihre zeigen, dass die Depression vermutlich zur Grundausstattung der menschlichen Psyche gehört und wir uns noch länger mit ihr herumschlagen werden müssen, als Pharmaindustrie und Therapeutenkongresse es uns glauben machen wollen.