Kampf gegen Aids HIV-Infektion wird viel zu spät behandelt

Bisher bekommen HIV-Infizierte in vielen Ländern erst Medikamente, wenn das Immunsystem bereits geschädigt ist. Eine Studie zeigt eindrücklich, wie unverantwortlich das ist.

Von Kai Kupferschmidt

Millionen HIV-infizierte Menschen auf der ganzen Welt könnten davon profitieren, wenn ihre Infektion früher behandelt würde. Mit der sogenannten Start-Studie haben Wissenschaftler jetzt eindeutig nachgewiesen, dass Infizierte, die früh behandelt werden, ein viel geringeres Risiko haben, die Immunschwächekrankheit Aids oder andere lebensbedrohliche Krankheiten zu entwickeln, als Menschen, die erst später Medikamente bekommen. "Das ist ohne Frage eine der wichtigsten HIV-Studien dieses Jahr", sagt Jürgen Rockstroh, HIV-Experte an der Universität Bonn. "Das wird die Leitlinien zur Behandlung von HIV-Infektionen überall beeinflussen."

Macht sich HIV im Körper breit, sinkt die Zahl der T-Helferzellen

In der Start-Studie (Strategic timing of antiretroviral treatment) wurden 4685 Menschen in 35 Ländern untersucht, die sich mit HIV infiziert hatten. Das Virus tötet wichtige Zellen des Immunsystems, die T-Helferzellen. Gesunde Menschen haben zwischen 600 und 1200 dieser Zellen in jedem Mikroliter Blut. Macht sich HIV im Körper breit, sinkt die Zahl dieser Zellen. Bei Patienten, die nur noch 200 oder weniger davon pro Mikroliter Blut haben, ist das Immunsystem so zerstört, dass Ärzte von einer Immunschwächekrankheit sprechen. Solche Patienten können an Infektionen erkranken, die für gesunde Menschen harmlos sind und bestimmte Krebserkrankungen entwickeln. Sie haben Aids.

Lange Zeit wurden Patienten erst in diesem späten Stadium behandelt. Doch seit Jahren diskutieren Ärzte und Forscher darüber, wie sinnvoll es ist, viel früher mit einer Therapie zu beginnen. Einerseits können moderne Medikamente die Vermehrung des Virus so erfolgreich stören, dass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist. Das verhindert die Vernichtung weiterer T-Helferzellen und reduziert zugleich die Wahrscheinlichkeit drastisch, andere Menschen anzustecken. Andererseits müssen die Medikamente jahrzehntelang genommen werden und es ist unklar, welche Nebenwirkungen sie über solche Zeiträume verursachen könnten.

Mehr als doppelt so viele Erkrankte in der Gruppe, die später behandelt wurde

Die Patienten in der Start-Studie hatten zu Beginn 500 oder mehr T-Helferzellen pro Mikroliter Blut. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt sofort eine Therapie, bei der anderen Hälfte wurde gewartet, bis die Zahl der T-Helferzellen unter 350 gesunken war. Forscher verglichen dann, wie häufig Patienten in den beiden Gruppen ernste Erkrankungen entwickelten: sowohl solche, die typischerweise bei Aids-Patienten auftreten, als auch andere wie Krebs oder Herzinfarkt.

Die Studie begann im März 2009 und sollte bis Dezember 2016 laufen. Doch am Mittwoch verkündeten Forscher des National Institute of Allergy and Infectious Diseases in den USA, dass sie die Untersuchung vorzeitig abgebrochen haben. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen seien derart deutlich, dass es ethisch nicht mehr vertretbar sei, HIV-Infizierten eine frühe Behandlung vorzuenthalten. In der Gruppe, die spät Medikamente bekommen hatte, waren 86 Menschen schwer krank geworden oder gestorben. In der Gruppe mit früher Behandlung waren es nur 41. "Das ist ein überraschend deutliches Signal", sagt Rockstroh. "Es zeigt, wie wichtig strategische Studien sind."

Was genau die Ursache für diesen Effekt ist, ist unklar. Eine Erklärung wäre, dass ein stärkeres Immunsystem grundsätzlich besser vor manchen Krankheiten schützt. Zudem führt die ungehemmte Vermehrung des Virus möglicherweise zu einer Art Entzündung im Körper, die langfristig Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. Auf einer großen HIV-Konferenz im Juli in Vancouver sollen die Start-Ergebnisse ausführlicher vorgestellt werden. "Dann wird das hoffentlich auch klarer", sagt Rockstroh.

Verfolgungsjagd im Blut

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In ärmeren Ländern ist eine frühzeitige Behandlung aus Kostengründen schwierig

Weltweit leben etwa 35 Millionen Menschen mit dem Virus. Wann eine Behandlung empfohlen wird, ist von Land zu Land unterschiedlich. In den vergangenen Jahren ist der Therapiebeginn aber immer weiter vorgezogen worden. So empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Beginn der Start-Studie noch, eine Therapie zu beginnen, sobald die Zahl der T-Helferzellen unter 200 sinkt. Inzwischen empfiehlt die WHO eine Therapie ab einem Wert von 500.

In vielen Ländern, unter anderem auch in Deutschland und Großbritannien gilt eine Marke von 350. Tatsächlich werden viele Menschen aber schon heute früher behandelt, zum Beispiel weil sie gleichzeitig mit Hepatitis C infiziert sind oder weil sie eine Beziehung mit einem HIV-negativen Partner führen und das Risiko minimieren wollen, ihn anzustecken.

Vor allem in ärmeren Ländern in Afrika ist eine frühzeitige Behandlung von HIV-Patienten aus Kostengründen schwierig. Hinzu kommt, dass viele Menschen erst spät von ihrer Infektion erfahren. In Deutschland leben etwa 80 000 Menschen mit HIV. Etwa 14 000 von ihnen wissen nicht, dass sie infiziert sind.