Havariertes Kreuzfahrtschiff Wie die "Costa Concordia" zu bergen ist

"Ein Objekt dieser Größe hat noch niemand gehoben": Mit 70 Grad Schlagseite liegt das havarierte Kreuzfahrtschiff vor der Insel Giglio, es zu heben dürfte mindestens bis Jahresende dauern und einen hohen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Vor allem aber wird die Bergung viel Pionierarbeit erfordern.

Von Christopher Schrader

Wer im Handbuch für Bergungsarbeiten der US-Marine so etwas wie Gefühle sucht, sollte Abschnitt 7-6 lesen: "Zunehmend werden Wracks aus Umwelt- oder ästhetischen Gründen geborgen", heißt es da, und nicht nur, wenn sie Hafeneinfahrten blockieren - ihre Verwunderung ist den Autoren des "US Navy Salvage Manual" anzumerken. "Ein gekentertes Schiff aufzurichten, ist fast immer eine teure und schwierige Operation", stellen sie noch fest, dann folgen viele Seiten mit Diagrammen und Formeln.

Die Vorbemerkung und viele der Hinweise im Handbuch passen exakt auf die Costa Concordia. Ihr Wrack zu heben, das mit 70 Grad Schlagseite vor der Ferieninsel Giglio liegt, dürfte mindestens bis zum Jahresende dauern, sagte am Sonntag der Chef des italienischen Katastrophenschutzes, Franco Gabrielli. "Eine gute zweistellige Millionensumme" könnte die Bergung kosten, schätzt der Schiffbau-Professor Stefan Krüger von der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Um den Auftrag bewerben sich voraussichtlich mehrere Firmen. Es wird Pionierarbeit: "Ein Objekt dieser Größe hat noch niemand gehoben", so Krüger.

Im Bieterwettbewerb besitzt Smit Salvage aus Rotterdam einen Startvorteil: Die Firma hat den Auftrag bekommen, den Treibstoff aus dem Wrack zu pumpen. Allerdings ruhten die Arbeiten am Wochenende; noch bis Dienstag seien "starker Wind und hohe Dünung zu erwarten", sagt Max Iguera von der Smit-Niederlassung in Genua. Und bevor das verunglückte Schiff zu heben ist, "müssen Taucher das Wrack ausgiebig untersuchen. Außerdem brauchen wir genaue Informationen über Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes."

Lecks müssen geschlossen werden

Generell geht es beim Heben eines Wracks fast immer darum, dem Rumpf wieder Auftrieb zu verleihen. Gesunkene oder gestrandete Schiffe müssen sich von selbst vom Boden lösen, sie können nicht von Kränen gehoben werden. Bei Frachtschiffen wird zuerst die Ladung gelöscht, Kriegsschiffe bekommen laut Marine-Handbuch auch mal die Aufbauten abgeschnitten. Bei der Concordia hingegen wird es gleich darum gehen, die Lecks zu verschließen: den langen Riss am Heck genauso wie die kleinen Löcher, die Taucher auf der Suche nach Vermissten sprengen. "Dann heißt es: den Innenraum leer pumpen", sagt Krüger. "Und wenn das Schiff halbwegs schwimmt, kann man versuchen, es aufzurichten."

Dabei müssen die Helfer stets die Lage des Wracks kontrollieren: Dass sich die Wassermassen im Inneren verschieben, wäre für die Experten äußerst ungünstig. Schon das Abpumpen des Treibstoffs dürfte die Gewichtsverteilung im Rumpf verändern. Danach werden Taucher vermutlich die Treppenhäuser des schwimmenden Hotels verschließen und "alle Räume innen abdichten" müssen, sagt Krüger - damit Abteilungen gezielt ausgepumpt werden können. Schlepper, Auftriebskissen und Pontons mit Drahtseilwinden, die an geeigneten Punkten ziehen, können den Prozess unterstützen.

Bis die Arbeiten beginnen, liegt die Costa Concordia weiter auf der Seite. Im schweren Wetter am Wochenende hatte sie sich innerhalb von sechs Stunden um 3,5 Zentimeter bewegt statt wie üblich ein bis zwei Millimeter. Max Iguera ist skeptisch, ob man das Schiff deswegen mit starken Trossen an der Insel festmachen sollte. "Die Menge an Stahlseil wäre enorm, und es würde viel Zeit kosten", sagt er. Nach Angaben der Behörden ist die Gefahr zurzeit aber ohnehin gering, dass die Concordia in tiefere Gewässer rutscht.