Handel mit bedrohter Fischart Das Blut des Roten Thun

Erstmals könnte es passieren, dass die Menschheit einen wichtigen Speisefisch so lange isst, bis nichts mehr von seiner Art übrig ist.

Ein Kommentar von Martin Kotynek

Wer gerne Sushi isst, muss sich darauf einstellen, schon bald ohne Roten Thunfisch auskommen zu müssen. Er gilt als Delikatesse und schmeckt zu vielen Menschen zu gut; vor allem die Japaner können nicht von ihm lassen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Konsumgesellschaft könnte es daher passieren, dass die Menschheit einen wichtigen Speisefisch so lange isst, bis nichts mehr von seiner Art übrig ist. Knapp 80 Prozent der Bestände im Mittelmeer sind abgefischt. Um die verbliebenen Tiere kämpfen die Fischerei-Nationen mit immer größeren Spezialschiffen, mit Radarüberwachung und Flugzeugaufklärung. Alle Anstrengungen, die Gier nach dem Tier zu bremsen, sind gescheitert. Nun wollte Monaco zum äußersten Mittel greifen und den Handel mit dem Blauflossen-Thun, auch Roter Thun genannt, verbieten.

Das Fürstentum ist gescheitert. Auf der UN-Artenschutzkonferenz in Doha setzten sich die Fischereiländer durch, sie können weiter ungehemmt Beute machen. Wieder einmal zeigt sich: Kurzfristige wirtschaftliche Interessen haben Vorrang vor dem langfristigen Schutz natürlicher Ressourcen. Einzelne Exemplare der Delikatesse erzielen auf dem Fischmarkt von Tokio Höchstpreise von umgerechnet mehr als 120.000 Euro. Da holen manche Fischer gern mehr Tiere als erlaubt aus dem Meer - laufend werden die Fangquoten überschritten, da die Kontrollen lax sind und die Strafen gering.

Frankreich verdient an diesem System am meisten; kein anderes Land exportiert so viel Thunfisch. Es trägt daher einen großen Teil der Verantwortung am Niedergang der Tierart, aber auch die EU ist mitschuldig. Würde die Staatengemeinschaft den Artenschutz ernst nehmen, hätte sie den Antrag Monacos unterstützen müssen und den Beständen Zeit gegeben, sich zu erholen.

Doch wie schon bei der Klimakonferenz in Kopenhagen, wo es die EU nicht schaffte, in der entscheidenden Verhandlungsrunde Akzente zu setzen, versagten die Europäer auch in Doha. Vielen Fischereiländern, darunter Spanien und Malta, war es lieber, alles beim Alten zu lassen. Man formulierte einen eigenen, allerdings verlogenen Vorschlag: Den Thunfisch wolle man ja durchaus retten, aber erst später, und auch nur dann, wenn andere Anstrengungen zur Rettung der Tierart auf internationaler Ebene gescheitert sind. Außerdem wurden Ausnahmen für kleine Fischereibetriebe gefordert. Das war ein klares Signal an die Japaner: Mit der Rettung des Thunfisches nehmen es die Europäer nicht so ernst. Und so ließ man sich ohne großen Widerstand niederstimmen.

Dutzende Arten sterben täglich

Ähnlich agierten die EU-Länder auch bei anderen Anträgen in Doha: Den Handel mit Fellen des bedrohten Eisbären wollte Europa nicht unterbinden. Eingereicht hatten den Antrag ausgerechnet die Amerikaner, denen Europa gerne vorwirft, es mit dem Umweltschutz nicht so genau zu nehmen. Eisbär und Blauflossen-Thun sind nur zwei Beispiele dafür, welch geringen Stellenwert die EU-Staaten dem Schutz bedrohter Tierarten nach wie vor einräumen. Auf dem Papier haben sich die Umweltminister zwar dazu bekannt, das Artensterben bremsen zu wollen. Bis zu 30 Arten verschwinden täglich von der Erde, schätzen die UN, sie sterben hundertmal schneller aus, als es mit den natürlichen Mechanismen der Evolution zu erklären wäre.

Bis zum Ende dieses Jahres wollten es die europäischen Minister geschafft haben, zumindest das Artensterben auf dem eigenen Kontinent in den Griff zu bekommen. Anfang dieser Woche stellten sie jedoch fest: Es klappt nicht. Kurzerhand verschoben sie das Ziel um zehn weitere Jahre. Für viele Tiere kann das zu spät sein, darunter für den Thun. Ihnen steht die Biologie im Wege: Thunfische lassen sich nicht in Käfigen züchten, in Gefangenschaft legen sie keine Eier. Ist die Art daher einmal aus den Meeren verschwunden, lässt sie sich nie mehr wieder zurückbringen.