Grüne Gentechnik Natur und Technik - Sind sie noch zu trennen?

Die alten gentechnischen Methoden wenden Wissenschaftler zum Teil noch heute an. Sie kombinieren sie aber mit einem Bündel neuer Techniken, deren Bezeichnungen allein dem Laien schon Schwierigkeiten bereiten. Methoden mit dem Namen CRISPR, CMS, Tale, Zinkfingernuklease-Technik und Oligonukleotid-gesteuerte Mutagenese klingen nicht nur kompliziert, sie sind es auch. Wie viele der Demonstranten, die Samstags Protestplakate mit grinsenden Tomaten durch Innenstädte tragen, wissen, was sich hinter den kryptischen Abkürzungen verbirgt? Um die neueren Methoden zu verstehen - und das sollte selbstverständlich sein, will man sie bewerten und diskutieren - empfehlen sich mindestens einige Semester Genetik sowie Molekular- und Zellbiologie.

Das ist kein Aufruf dazu, die Diskussion über gentechnisch veränderte Pflanzen aus der Öffentlichkeit zurück in die Labore und Forschergemeinde zu verbannen. Viel zu lange hat es gedauert, bis sich Laien und Wissenschaftler miteinander ins Gespräch getraut haben. Deshalb: Streitet weiter. Aber nicht über Grüne Gentechnik. Auch nicht darüber, ob in der Pflanzenzucht Natur oder Technik dominieren sollen. Trennen lässt sich beides längst nicht mehr. Erst recht stellt es keinen Gegensatz dar - auch wenn Interessensverbände diese lieb gewonnene Illusion mit großer Ernsthaftigkeit pflegen.

Diskussionen sollte es endlich über die Pflanzen selbst geben. Das klingt selbstverständlich? Ist es nicht. Weil der Begriff Grüne Gentechnik - Wiederholung schadet hier nicht - lediglich für ein Bündel wissenschaftlicher Methoden steht, sagt ein entsprechendes Label wenig über die Gewächse und deren Eigenschaften aus.

Mitunter führt das zu absurden Kategorien. Zum Beispiel hängt die Entscheidung darüber, ob eine Pflanze als GVO registriert werden muss, nicht allein von der Anwesenheit fremder Gene in ihrem Erbgut ab. Stattdessen kommt es mitunter darauf an, mit welcher Methode die DNA-Schnipsel in die Pflanzenzelle hineingebastelt wurden. Nutzt ein Forscher zum Beispiel die Genkanone, handelt es sich womöglich nicht um Grüne Gentechnik. Will er das gleiche Ergebnis erreichen, verwendet statt der Kanone als "Transportmittel" jedoch ein Bakterium, muss er seine Pflanzen als gentechnisch verändert registrieren lassen - auch wenn in beiden Fällen die gleichen Pflanzen entstehen. Das ist kein irres Gedankenspiel, sondern Realität in den USA. Irre ist dann aber doch wieder das richtige Wort, denn bei dem Bakterium handelt es sich auch noch um ein ganz besonderes: um eine im Boden lebende Mikrobe, die natürlicherweise und ganz von allein ihre Gene in Pflanzen einschleust.

Pflanzenzucht als "Griff ins Dunkle"

Man könnte derartige Geschichten als den üblichen Behörden-Wahnsinn abtun. Wo Formalitäten das Spiel beherrschen, fallen halt hin und wieder absurde Entscheidungen, die mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar sind - man kennt das ja. Doch so einfach ist es nicht. Denn viel zu häufig dient das Label "gentechnisch verändert" weniger der Beschreibung eine Pflanze als ihrer Verurteilung: Schnell ab in die schwarze Ecke mit ihr.

Sollten jedoch tatsächlich einmal die gentechnisch veränderten Gewächse selbst und ihre Eigenschaften zählen, wird Chaos herrschen. Die bisher für viele Menschen so wohlgeordnete Welt der Pflanzenzucht wird erst einmal zusammenstürzen. Nicht mehr ignorieren ließe sich dann, auf welch dünnem und artifiziellem Fundament der Gegensatz zwischen "unnatürlicher" Gentechnik und "natürlicher" oder konventioneller Züchtung ruht.

Es wäre ein Glück, würde diese Vorstellung endlich zusammenbrechen. Sie könnte ihren Platz räumen für die Erkenntnis, welcher wesentliche Punkt alle Kulturpflanzen eint, unabhängig von ihrer Entstehung: Sie sollen den Menschen ernähren oder durch ihren Anblick erfreuen - auch wenn die Natur das gar nicht vorgesehen hat. Die Kartoffel hat sich nicht entwickelt, damit der Mensch eine Sättigungsbeilage zu Spinat und Spiegeleiern hat. Im Gegenteil, die Natur hat zum Schutz der Pflanzen dafür gesorgt, dass die meisten ihrer Teile möglichst ungenießbar sind und andererseits auch Parasiten, Viren und was es sonst noch an Krankheitserregern gibt, auf ihre Kosten kommen.

Um für sich selbst möglichst viel Ertrag und Geschmack herauszuholen, hat der Mensch schon immer herumprobiert und dafür auf gut Glück alles an Technik genutzt, was gerade verfügbar war. Pflanzenzüchtung sei ein "Griff ins Dunkle", soll der Agrarforscher Kurt von Rümker gesagt haben. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Pflanzenzucht in Deutschland - und meinte selbstverständlich die konventionellen Methoden. Heute wird der Griff ins Dunkle den gentechnisch arbeitenden Forschern vorgehalten, häufig zu recht.