Gorleben, Stuttgart21, Schmalkalden Des Salzes Fluch und Segen

Der Untergrund in Deutschland besteht teilweise aus Salzgestein. Das lässt mancherorts die Erde einbrechen und macht Großprojekte wie Stuttgart21 und das atomare Endlager Gorleben unkalkulierbar.

Von Angelika Jung-Hüttl

Der Zerfall der Altstadt von Staufen, die Kosten von Stuttgart21, das Erdloch im thüringischen Schmalkalden und die Diskussionen um ein atomares Endlager in Gorleben - all diese aktuellen Themen haben eine gemeinsame Ursache: Salz. Genauer gesagt Salzgestein, das vor Jahrmillionen während heißer Klimaperioden in den flachen Lagunen längst verschwundener Meere entstanden ist und heute den Untergrund von Deutschland durchzieht.

Unter Salzgestein verstehen die Geologen nicht nur Steinsalz, wie es seit Jahrhunderten abgebaut wird und im Mittelalter als "weißes Gold" viele Städte, so auch München, reich machte. Es geht auch nicht nur um Kalisalz, das heute aus dem Boden des thüringisch-hessischen Kalisalz-Gebietes am Fluss Werra geholt und hauptsächlich zu Düngemitteln für die Landwirtschaft verarbeitet wird. Auch Gips ist chemisch gesehen ein Salzgestein, ein wasserhaltiges Kalziumsulfat, so wie sein wasserfreier Verwandter, der Anhydrit.

Als sich diese Salzgesteine bildeten, war es sehr warm - so warm, dass das Wasser der urzeitlichen Meere verdampfte, und in flachen Buchten und Lagunen zu einer ätzenden Brühe wurde, aus der schließlich die Salzmineralien ausfielen. Zuerst lagerte sich eine dünne Schicht Gips und Anhydrit ab, dann Steinsalz in großen Mengen und darüber legte sich - wenn die Lagunen vollständig austrockneten - eine Lage aus Kalisalzen. Oft wurden die Meeresbecken mehrmals überflutet und trockneten wieder aus.

Salzgesteine sind nicht so hart und fest wie Gneis, Granit oder Sandstein. Gips und Steinsalz lassen sich mit dem Fingernagel ritzen, Anhydrit mit einer Münze. Steinsalz reagiert unter Druck zudem plastisch, und es löst sich - wie vom Speisesalz bekannt - in Wasser auf. Anhydrit verwandelt sich mit Wasser in Gips. Dabei nimmt er Wassermoleküle in seine Kristallstruktur auf und vergrößert sein Volumen um bis zu 60 Prozent.

Der Boden hebt sich in Staufen

Diese Eigenschaft wurde der badischen Stadt Staufen zum Verhängnis. Kurz nachdem im September 2007 sieben Bohrungen zur Gewinnung von Erdwärme 140 Meter tief in den Boden niedergebracht waren, fing die Erde unter der Altstadt an, sich zu heben, seit Beginn der Bohrungen um mehr als 30 Zentimeter.

Die Bohrlöcher hatten in einer Tiefe zwischen 60 und 120 Metern Schichten mit Anhydrit durchdrungen und das darunter liegende Grundwasser erreicht, das unter Druck stand, so dass es aufsteigen konnte. Weil die Bohrlochabdichtung Lücken hatte, traf Wasser auf Anhydrit - und dieser begann sich in Gips umzuwandeln und aufzublähen. In Wohnhäusern reißen seither die Wände auf, Fliesen platzen von den Wänden, Dachfirste neigen sich.

Der Boden hebt sich inzwischen zwar langsamer. Waren es zu Beginn noch elf Millimeter im Monat, so messen die Ingenieure jetzt 7,5 Millimeter pro Monat im Zentrum der Altstadt. Als Gegenmaßnahme wird Grundwasser abgepumpt, damit es nicht mehr in die Anhydrit-Schichten eindringen kann. Doch ein Ende der Bewegung ist nicht abzusehen.