Gemischte Gefühle: Verachtung Eine kalte Technik

Die Verachtung ist eine der großen Regelverletzungen, die in einer Schamgesellschaft wie der unsrigen möglich sind. Wer virtuos verachten kann, braucht keine Waffen mehr.

Von Hilmar Klute

Die Sache liegt schon mehr als zwanzig Jahre zurück und hatte, kurz nachdem sie sich ereignete, einen kleinen Anflug von Scham hinterlassen. Aber im Rückblick kann man sie vorbehaltlos als gelungenes Beispiel angewandter Verachtung feiern und sich selbst als einen virtuosen Verächter, wohlgemerkt nur in diesem einen, inzwischen im milden Licht der Historie stehenden Fall.

Ihre Verachtung für den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak drücken Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo aus, indem sie mit ihren Schuhen winken.

(Foto: Reuters)

Es geschah im Sommer 1990 in Prag zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft. Ich hatte, jung, überheblich und gleichzeitig offen für opportunistische Affekthascherei, nichts übrig für Fußball und war, wie viele, gerne bereit für ein niederträchtiges Wort an die Ostdeutschen, von denen ich ja kaum etwas wusste. Eines Abends kam in der Lobby des Hotels Solidaritas ein von Emphase rotgescheuerter Mann mit thüringischem Akzent auf mich zu und rief: "Wir sind Weltmeister!" Ich sah ihn kurz und abschätzig an, zischte ein "Wieso wir?" in Richtung seines staunenden schnauzbärtigen Mundes, um schnell und feige im Fahrstuhl zu verschwinden, dessen Tür sich unmittelbar darauf gnädig vor mir schloss.

Der Fragesatz "Wieso wir?" war in seinem Verachtungspotential wahrhaft monströs. Er sollte nämlich nicht nur den begeisterten Thüringer desavouieren, sondern an seinem Beispiel ein ganzes Volk verächtlich machen, indem er es vom Recht ausschloss, sich als Teil des deutschen Fußballglücks zu fühlen. Er sollte ihm bedeuten: Ihr seid doch die Ossis und habt mit uns Bundesdeutschen nichts gemein. Heute distanziere ich mich ausdrücklich von diesem Satz.

Die Verachtung, zumal die konsequent öffentlich angewandte, ist eine der großen Regelverletzungen, die in einer Schamgesellschaft wie der unsrigen möglich sind. Unser Common Sense sieht ja vor, dass wir uns grundsätzlich alle wenn nicht mögen, so doch immerhin schätzen oder mindestens achten. Jeder hat ein Recht darauf, in seinen schönen und guten Anlagen erkannt zu werden und erwartet eine entsprechend milde, wenn nicht wertschätzende Art des Umgangs. Wer aber verachtet, grenzt aus. Und bei Ausgrenzung leuchten in unserer hochsensibilisierten Verständigungsgemeinschaft alle Alarmlampen auf.

Natürlich hat die Psychoanalyse sich auch mit dem Phänomen des Verachtens beschäftigt, und man muss nur mal ein bisschen dem Psychiater Leon Wurmser zuhören, für den die Technik des Verachtens durchaus etwas mit Aggression zu tun hat. Wurmser unterscheidet bei der Aggression allerdings zwei verschieden temperierte Affekte, nämlich die "heißen" und die "kalten". Ein kalter Affekt liegt dann vor, wenn man eine Person dergestalt behandelt, als würde sie nicht existieren. Habe ich den thüringischen Emphatiker damals nicht auch so behandelt, als würde er nicht existieren? Mehr noch: Als würde sein ganzes Volk nicht existieren, jedenfalls nicht in der Gemeinschaft der Fußballenthusiasten.

Der wissenschaftlichen Vollständigkeit halber muss natürlich auch ein Blick auf das Opfer der Verachtung fallen, auf den Verachteten nämlich; was empfindet ein Mensch, der in so virtuos boshafter Weise herabgesetzt wurde? Er schämt sich, ja, er fühlt sich verlassen und vom Konsens der allgemeinen Wertschätzung ausgeschlossen.

Um es ganz klar zu kriegen: Die Verachtung ist die Waffe. Die Wunde, die sie schlägt, heißt Scham.

Weil Verachtung gerne mimisch begleitet wird, ist sie auch immer Gegenstand von physiognomischen Experimenten, als deren wissenschaftlicher Übervater der amerikanische Psychologe Paul Ekman zu gelten hat. Ekman hat das Facial Action Coding System ersonnen, eine Art Köchel-Verzeichnis aller mimischen Symptome von Gefühlsregungen. Verachtung wird nach Ekman im Gesicht dergestalt illustriert, dass der Verachtende einen Mundwinkel anspannt und leicht nach oben zieht. Im Handumdrehen guckt man verächtlich, und das Schöne ist: Der Verachtende spürt selbst, dass er verachtet, weil er immer dieses leichte böse Ziehen im Mundwinkel hat. Er empfindet seine Verachtungsleistung anfänglich sogar als Triumph; der Anflug von Scham stellt sich oft erst hinterher ein.