Gemischte Gefühle: Scham Der Oben-ohne-Kodex

Wer nackt vor fremden Menschen steht, der schämt sich meist. Doch warum? Soziologen streiten sich noch immer, ob dieses Gefühl angeboren oder durch unsere Zivilisation antrainiert ist.

Von Christian Weber

Es war eine wagemutige Expedition, selbst für diese Forscher, die sich schon häufig in harten Feldstudien bewährt hatten. Es sollte an Orte gehen, auf die bis dahin noch kaum ein Wissenschaftler seinen Fuß gesetzt hatte. Was würde sie erwarten?

Doch eines Tages fassten der Soziologe Jean-Claude Kaufmann von der Pariser Sorbonne-Universität und fünf seiner Mitarbeiter sich ein Herz. Sie packten Aufnahmegeräte und Notizblöcke ein und zogen los an die Badestrände der Bretagne und der Normandie sowie zu einigen städtischen Liegewiesen.

Dort interviewten sie rund 300 in der Sonne badende, halbnackte Frauen und Männer zu einem Thema, das den meisten Befragten eher schräg vorkam: das Oben-ohne.

"Was gibt es denn da zu fragen?", lautete die häufigste Reaktion, berichtet Kaufmann. Immerhin gab es keine Ohrfeigen für die neugierigen Forscher; und so entstand auf Basis dieser Befragung einer der interessantesten Beiträge der vergangenen Jahre zu der Frage, was denn das Schamgefühl sei, und wie es sich heutzutage äußere im Umgang der Gesellschaft mit dem nackten Körper.

Kaufmanns zentrale These: Es ist ein großer Irrtum, dass es etwas ganz Natürliches sei, sich am Strand ein bisschen auszuziehen: "Das Entfernen des Bikini-Oberteils ist keine einfache, natürliche und problemlose Geste, sondern reiht sich ein in einen historischen Prozess und ein Set von äußerst ausgefeilten Verhaltensregeln", versichert der Soziologe. Dazu später mehr.

Entscheidend ist: Kaufmann bezieht Position in einem Streit, der in den ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Seminaren der Universitäten seit Jahren diskutiert wird. Ist das Schamgefühl angesichts von Nacktheit den Menschen aller Kulturkreise und Entwicklungsstufen mehr oder weniger angeboren? Oder ist es ein historisches Gefühl, das sich die Menschen in einem Zivilisationsprozess mühsam antrainiert haben? Um es gleich zu sagen: Der wissenschaftliche Befund ist widersprüchlich.

Wer sich schämt, möchte am liebsten verschwinden

So spricht auf den ersten Blick für einen wie auch immer gearteten biologischen Hintergrund, dass das tief empfundene Gefühl der Scham und Verlegenheit häufig mit starken physiologischen Reaktionen einhergeht. Wer sich in Unkenntnis oder Verfehlung sozialer Erwartungen schämt, weil er falsch gehandelt hat und dabei ertappt wurde, errötet womöglich und bekommt heftiges Herzklopfen.

Er senkt seinen Blick, und sein nächster Reflex ist: Verschwinden! Nicht wenige Frauen in traditionellen Gesellschaften treibt etwa die Scham nach einer Vergewaltigung sogar in die extremste Flucht - den Suizid. So unterscheiden sich Scham und Schuld. Letztere bedeutet immer persönliche Verantwortung; schämen tun sich auch die Opfer.

Obwohl also die körperliche Komponente der Scham ähnlich stark sein kann wie sonst nur bei der Angst, tun sich Biologen schwer, auch nur Vorformen der Scham bei den Tieren zu finden. Eher bemüht wirken manche Versuche, die Blickabwendung einiger nichtmenschlicher Primaten als scham-analoges Verhalten zu deuten. Dann müsste das Tier ja fähig sein, sich von außen als Regelverletzer zu betrachten - unwahrscheinlich, dass sein Reflexionsvermögen dafür genügt.

Erst recht wird jeder Besucher eines Affenhauses an der Existenz einer allgemeinen Genital- und Analscham bei Pavianen und Schimpansen zweifeln. Mit ihrer munteren Sexualität gleichen sie eher den Blumen, die in jedem Frühling und Sommer Peepshows in den Gärten veranstalten, bei denen sie ihre Geschlechtsorgane schamlos in den Himmel recken.

So wundert es nicht, dass viele Wissenschaftler bis heute den entgegengesetzten Ansatz verfolgen, also die soziale Bedingtheit des Schamgefühls erforschen. Berühmt wurde der Soziologe Norbert Elias, der in seinem Hauptwerk "Über den Prozess der Zivilisation" die These verficht, dass sich die Scham gegenüber der eigenen Nacktheit - so wie andere verfeinerte Sitten, etwa die Verwendung der Gabel am Esstisch - in Europa erst seit dem Mittelalter in einem historischen Prozess langsam entwickelt habe.

So seien die Menschen im 14. und 15. Jahrhundert noch sehr unbefangen mit ihrem Körper und seinen Funktionen umgegangen: Zeitgenössische Darstellungen zeigen, wie Männer und Frauen nackt und ungezwungen in öffentlichen Badestuben planschen und sich dabei wohl auch näher kommen. Private Schlafzimmer gab es nicht, es wurde fröhlich und recht öffentlich gerülpst, gefurzt und uriniert.

Erst mit Genese der modernen Gesellschaft, wo der Einzelne auf seinem Posten funktionieren und komplexe gesellschaftliche Zwänge beachten musste, wurde auch der Umgang mit dem eigenen Körper reguliert. Es kam zu vermehrter Triebkontrolle und Affektmodellierung.

Die Erziehung sorgte dann dafür, dass gesellschaftliche Verbote gar nicht mehr von außen erzwungen werden musste: Fremdzwänge verwandelten sich in psychische Selbstzwänge. Das ist die wesentliche Funktion der Scham bis heute: Sie dämpft von innen heraus allzu extrovertiertes und aggressives Verhalten, begrenzt sexuelle Freizügigkeit und exhibitionistische Tendenzen.

Der eleganten Theorie Elias hängen vermutlich immer noch die Mehrzahl der Kulturhistoriker am, sie ist aber auch unter Beschuss geraten. Vor allem der Ethnologe Hans-Peter Duerr hat mit monomanischem Eifer 14 Jahre lang vermeintliche Belege gesammelt, dass die Körperscham wahrscheinlich schon immer ein universales Gefühl gewesen sei - was dem Bayern am See die Badehose, ist dem indigenen Negrito vom Volk der Aeta auf den Philippinen halt die Genitalschnur.

In seinen umfangreichen Werken präsentierte Duerr bizarre Funde wie alte Nachthemden mit Kopulationsschlitzen, gesäumt von eingestickten, frommen Sprüchen.