Gemischte Gefühle: Geborgenheit Und alles ist gut

Lecken, Lausen, Kuscheln und Körperwärme: Geborgenheit schafft nicht nur Zusammenhalt. Sie hält gesund und macht Kinder stark.

Von Nicola Schmidt

Es ist einer der umstrittensten und zugleich berühmtesten Versuche der Verhaltensforschung, und die Filmdokumentation ist so anrührend wie grausam: 1957 setzte der amerikanische Forscher Harry Harlow junge Rhesusaffen allein in einen Käfig und ließ ihnen die Wahl zwischen zwei Mutterattrappen.

Eine bestand nur aus Draht und bot Futter an. Die andere war mit Stoff bespannt, bot aber keine Milch. In den Filmen sieht man ein hektisches, kleines Affenbaby, das zu der Drahtmutter rennt, kurz trinkt und sich dann Schutz suchend an die Stoffmutter drückt. Es verlässt diese nur, um eilig den größten Hunger an der Drahtmutter zu stillen.

In Momenten der Angst drücken sich die Tiere an die Stoffmutter. Harlow schloss aus seinen Experimenten, dass Füttern allein nicht reicht, um ein Baby glücklich zu machen. Es sucht vor allem Geborgenheit.

"In der Evolution hat Geborgenheit eine tragende Funktion", sagt Hans Mogel von der Universität Passau. "Sie ist eine Grundvoraussetzung für Spiel, und das wiederum geht der Kulturentwicklung des Menschen voraus - es gibt keine Kultur ohne Spiel." Geborgenheit ist demnach ein Fundament der Entwicklung des Lebens. Sicherheit und Schutz, aber auch Wärme, Vertrauen, Akzeptanz und Liebe gelten unter Psychologen als Bestandteile dieses komplexen Gefühls.

Wird man in den Arm genommen, schaffen Berührungen Vertrauen und damit Geborgenheit. Die Haut sendet Signale ans Gehirn. Warum dieses darauf mit Vertrauen reagiert, ist unklar, aber Studien zeigen, dass ein Käufer dem Autohändler eher vertraut, wenn der ihn am Arm berührt. Überreicht die Kellnerin die Rechnung mit Hautkontakt, bekommt sie mehr Trinkgeld.

Geborgenheit entsteht aus Wiederholung, aus bekannten Mustern. Man fühlt sich geborgen, wenn man immer wieder die Erfahrung macht, sich auf etwas verlassen zu können - auf die Familie, Freunde, den Staat, Gott oder sich selbst. Auch Wärme schafft Geborgenheit, sogar ein Becher Kaffee. Menschen mit einem warmen Getränk in der Hand fassen mehr Vertrauen zu ihrem Gegenüber. In früher Kindheit Körperwärme der Bezugsperson zu erfahren, ist wichtig, um als Erwachsener emotionale Wärme wahrnehmen und geben zu können.

Kinder erfahren Geborgenheit vor allem durch Bezugspersonen, die sie zuverlässig ernähren, in den Arm nehmen, mit ihnen sprechen, spielen und sie beschützen. Fehlt dieses, können sich Kinder nicht richtig entwickeln. Frühe Trennungen, traumatische Erlebnisse und emotionale Kälte vermuteten Forscher schon lange als Auslöser für Hyperaktivität, Autismus, Essstörungen, Schizophrenie oder Depressionen.

An Ratten zeigten Forscher der McGill-Universität in Kanada, dass Jungtiere stressresistenter werden, wenn die Mutter sie besser umsorgt. Besser umsorgen heißt in der Rattenwelt: häufiger lecken. Wie konnte das sein? Das Erbgut der umsorgten Rattenbabys ähnelte Artgenossen der gleichen Zucht.

Die israelische Forscherin Eva Jablonka beschrieb das Konzept, wie Verhalten über die Aktivierung von Genen vererbt wird. Das Lecken der Mutter aktiviert ein Gen, das zwar bei allen Artgenossen vorhanden ist, aber erst durch diesen Reiz verstärkt in Aktion tritt. Bei Rattenbabys werden durch das Lecken mehr Glucocorticoid-Rezeptoren ausgeprägt, die das Stresssystem dämpfen. In der nächsten Generation wird nicht nur der aktivierte Status des Gens vererbt, sondern auch die Neigung zum Lecken - eine weitere Generation geborgener Ratten wächst heran.