Geisterjäger in Deutschland Auf der Spur der Schattenmenschen

Ein Team von Geisterjägern in der Kirche des Schlosses in Ludwigsburg. Viele "Ghosthunter" hoffen, tatsächlich die Existenz von Geistern beweisen zu können.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gepolter ohne Ursache, Stimmen aus dem Nichts, Kälteschauer in warmen Räumen? Klingt nach einer Aufgabe für eines der vielen Geisterjäger-Teams, die in Deutschland unterwegs sind. Glaubt heute wirklich noch jemand an Gespenster? Alexa Waschkau hat die Szene untersucht - ein Interview.

Von Markus C. Schulte von Drach

Alexa Waschkau ist "Europäische Ethnologin" und von rätselhaften Phänomenen fasziniert - auch wenn sie davon ausgeht, dass letztlich alles eine natürliche Erklärung hat. Gemeinsam mit dem Psychologen Sebastian Bartoschek hat sie sich eingehend mit der Arbeit der deutschen Geisterjäger beschäftigt. Ihre Erkenntnisse haben sie in ihrem Buch "Ghosthunting - Auf Spurensuche im Jenseits" veröffentlicht.

SZ.de: Spukt es in Deutschland?

Alexa Waschkau: Zumindest gibt es immer wieder seltsame Phänomene, die die Betroffenen irritieren oder ängstigen. Die Fälle, in denen Ghosthunter ihre Untersuchungen vornehmen, gehen jedes Jahr in die Hunderte. Und wenn man ihnen glaubt, dann gibt es tatsächlich immer wieder Erscheinungen, die rätselhaft bleiben. Bis auf einige kritische Geisterjäger sehen die meisten darin ein Zeichen dafür sein, dass es tatsächlich spukt.

Wie sieht so ein Spuk aus?

Das sind etwa unerklärliche Geräusche, Schritte in leeren Zimmern. Kältepunkte, wo es in einem sonst warmen Raum so eisig ist, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Stimmen aus dem Nichts. Bilder, die von den Wänden fallen, Geräte, die von selbst angehen.

Was steckt den Geisterjägern zufolge dahinter?

Die meisten gehen von einer Grundannahme aus: Es gibt ein Leben nach dem Tod und Verstorbene können aus dem Jenseits mit uns Kontakt aufnehmen.

Also glauben Ghosthunter tatsächlich an Gespenster und nennen sich nicht nur so, weil ihre amerikanischen Vorbilder in der US-TV-Serie Ghost Hunter auftreten?

Die meisten. Alternative Erklärungsansätze sind Zeitreisen oder Parallelwelten, auf die wir einen kleinen Blick erhaschen können, wenn die Wand zwischen ihnen gewissermaßen besonders dünn wird. Damit erklären sich manche Ghosthunter zum Beispiel ein offenbar weit verbreitetes Phänomen: die "Shadow people". So werden schemenhafte Schatten mit vage menschlichen Umrissen bezeichnet, die manche Leute aus dem Augenwinkel heraus zu sehen meinen.

Klingt nach einer optischen Täuschung aufgrund der Verteilung der Lichtsensoren auf unserer Netzhaut.

Mit verschiedensten Geräten sammeln die Geisterjäger Daten über Spukorte

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Aus der Neurologie kommen Hinweise, dass es eine Art abgekoppelte Selbstwahrnehmung sein könnte. Es gibt übrigens auch solche Teams, die nicht an Gespenster glauben, sondern davon ausgehen, dass es für bestimmte Phänomene eine Erklärung gibt, die wir nur heute noch nicht kennen. Und Skeptiker weisen darauf hin, dass es sich bei Spuk auch um bewusste Täuschungen, also Betrug, handeln kann.

In der Esoterik und zur Erklärung angeblicher Wirksamkeit alternativer Heilverfahren muss inzwischen häufig die Quantenphysik herhalten. Wie ist es bei den Ghosthuntern?

Das gibt es auch. Deutschlands bekanntester Parapsychologe, Walter von Lucadou von der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie in Freiburg, glaubt zwar nicht an Geister. Aber er versucht, Spukphänomene mit quantenmechanischen Prozessen zu erklären. Es gibt Skeptiker, etwa in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung parawissenschaftlicher Phänomene (GWUP), die ihn deshalb nicht mehr ernst nehmen.

Wie viele Geisterjäger gibt es in Deutschland? Und was sind das für Menschen?

Es sind gegenwärtig mehr als 30 Teams mit jeweils ein bis zehn Mitgliedern. Aber die Szene verändert sich ständig. Neue Gruppen werden gegründet, alte verschwinden oder spalten sich. Als Geisterjäger arbeiten ganz normale Leute im Alter von Anfang 20 bis 50 Jahren. Manche sind Akademiker, viele Handwerker sind darunter und auch Hausfrauen. Es ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung.

Richtige Wissenschaftler sind demnach kaum darunter? Physiker oder Psychologen?

Walter von Lucadou ist beides. Und die allermeisten Ghosthunter sind davon überzeugt, dass sie objektiv sind und ihre Untersuchungen wissenschaftliche Ansprüche erfüllen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen allerdings, dass ihr subjektives Empfinden eine viel größere Rolle spielt als das, was sie zu messen meinen.

Wie geht so eine paranormale Untersuchung vor sich?

Die Ghosthunter lassen sich die Phänomene beschreiben. Dann untersuchen sie den Spukort mit Geräten, die elektromagnetische Felder und die Temperatur messen. Gegenstände werden auf Mehl oder Sand gelegt, um zu prüfen, ob sie sich bewegen - dazu kommen Kameras, die diese Bewegung aufzeichnen sollen. Und Tonbänder nehmen alle Geräusche auf, aus denen sich später möglicherweise Stimmen heraushören lassen. Gelegentlich ist bei den Teams auch ein Medium dabei, das angeblich Kontakt mit Toten aufnehmen kann.

Gespenster machen sich also über elektromagnetische Felder und Temperaturunterschiede bemerkbar oder sie verrücken Gegenstände?

Für Aufsehen sorgte der "Chopper", der 1982 mehrere Wochen in einer Zahnarztpraxis bei Regensburg spukte. Tatsächlich hatten der Zahnarzt, seine Frau und die Zahnarzthelferin die Behörden und Parapsychologen hinters Licht geführt.

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Das glauben zumindest viele Ghosthunter. Aber selbst wenn es Geister geben würde, ist ja völlig unklar, ob sie mit elektromagnetischen Feldern in Wechselwirkung treten oder Temperaturunterschiede hervorrufen. Die Teams gehen also gleich von mehreren Unsicherheiten aus. Und aus den Aufnahmen von Spukorten hört man manchmal Sätze heraus, aber bei genauen Prüfungen stellt man fest, dass jeder was anderes hört. Aber die Ghosthunter stoßen bei ihren Untersuchungen auch auf ganz irdische Ursachen wie elektrische Leitungen, Erschütterungen durch den Verkehr und manchmal zieht es einfach.

Aber stoßen die Ghosthunter tatsächlich auch auf unerklärlichen Spuk?

Sie selbst geben an, dass sie Spuk in wenigen Fällen auch nach der Untersuchung für eine mögliche Erklärung halten. Aber der Beleg für versuchte Kontaktaufnahmen aus dem Jenseits fehlt noch. Eine wichtige Motivation für viele Ghosthunter ist deshalb auch, dass sie diejenigen sein möchten, die die Existenz von Geistern endlich beweisen. Deshalb gibt es in der Szene auch immer wieder Streit und Zweifel an der Seriosität anderer Teams.

Das klingt alles nicht sehr wissenschaftlich. Wie eng ist die Verbindung zur Esoterik-Szene?

Was bei den Ghosthuntern relativ häufig eine Rolle spielt, ist der Glaube an Engel und auch Dämonen aller möglichen Arten. Der Engelsglaube nimmt in unserem Land inzwischen ja erstaunliche Dimensionen an.

Sie erkennen da einen Trend?

Der Engelsglaube boomt. Gehen Sie mal in eine Buchhandlung, das ist ein Riesenmarkt geworden.

In "Ghost - Nachricht von Sam" tritt Patrick Swayze (rechts) als Geist auf - und tut ziemlich genau das, was Ghosthunter von Gespenstern erwarten: Er bewegt Gegenstände und spricht schließlich über ein Medium.

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Gespenster und Engel - damit diskreditieren sich diese Ghosthunter zumindest in den Augen der Wissenschaft doch vollends.

Und das ist schade. Denn eine Aufgabe, der sich die Ghosthunter verschrieben haben, ist es ja, den Spukopfern zu helfen. Und zwar in der Regel kostenlos. Sie sind vielleicht die ersten, die denen nicht sagen: Das bildest Du Dir nur ein. Sie führen lange Gespräche mit den Opfern, um herauszufinden, ob eine Untersuchung notwendig ist. Wenn sie natürliche Erklärungen finden, sind die Opfer erleichtert. Und wenn sie keine finden, haben die Betroffenen zumindest das Gefühl, nicht für Spinner gehalten zu werden. Manchen raten die Ghosthunter auch, psychologische Hilfe zu suchen. Vielleicht ist es deshalb falsch, ihre Arbeit rigoros abzulehnen.

Ich würde auch keinen Wünschelrutengänger bestellen, weil ich weiß, dass diese Menschen nach Wasseradern suchen, die es gar nicht gibt. Dann ist es doch auch abwegig, Ghosthunter um Hilfe zu bitten, wenn es bei mir zu spuken scheint, ich aber weiß, dass es keine Gespenster gibt.

Die Ghosthunter stellen ja durchaus auch reale physikalische Ursachen für manche Phänomene fest. Vielleicht auch solche, auf die Sie nicht kommen würden.

Aber wäre es nicht besser, den Menschen zu vermitteln, dass es nicht den geringsten glaubwürdigen Hinweis auf die Existenz von Gespenstern, Engeln oder Dämonen gibt und Angst deshalb unnötig ist? Bräuchten wir nicht eher Phänomenjäger statt Geisterjäger? Die GWUP spricht sich im eigenen Namen diese Aufgabe selbst zu. Die schickt aber keine solchen Teams los, oder?

Nein, es gibt bei der GWUP keine Abteilung Ghosthunting, um es flapsig zu formulieren. Das ist ein Punkt, bei dem man durchaus noch nachbessern könnte. Es gibt zwar die jährlichen PSI-Tests, in deren Rahmen beispielsweise Wünschelrutengänger ihre Fähigkeiten in überwachten Experimenten unter Beweis stellen können. Aber ein Team, das gezielt paranormale Phänomene wie Spuk unter die Lupe nimmt, fehlt noch.

Ist es nicht seltsam, dass in unserer aufgeklärten Gesellschaft der Glaube an Gespenster noch so verbreitet ist?

Spuk und Geister werden so lange nicht an Aktualität verlieren, wie Menschen sich Gedanken über den Tod machen und sich fragen, was danach kommt. Für viele Menschen ist das, was sie für paranormale Erfahrungen halten, ein ganz zentrales Thema. Die Ghosthunter führen uns mit ihren Aktivitäten also plastisch vor Augen, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit diesen Fällen ist.

Wie sind Sie selbst auf das Thema gestoßen?

Mich interessieren als Völkerkundlerin vor allem der Mensch und sein Erleben im Alltag. Ich finde es deshalb spannend, wie Menschen - sowohl Spukopfer als auch Ghosthunter - mit diesen Phänomenen umgehen. Da lässt sich einiges über die menschliche Psyche und Wahrnehmung lernen.

Völkerkundlerin Alexa Waschkau hat gemeinsam mit dem Psychologen Sebastian Bartoschek die deusche "Ghosthunter"-Szene untersucht.

(Foto: A. & A. Waschkau)

"Ghosthunting - Auf Spurensuche im Jenseits" von Sebastian Bartoschek / Alexa Waschkau. Alibri Verlag Aschaffenburg 2013. 178 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-86569-173-6. Euro 14.-