Gehirn Das iPad und die Hirnstruktur

Noch lässt sich nicht sagen, wie sich Geräte wie das iPad darauf auswirken, wie wir Informationen verarbeiten. Wissenschaftler halten es jedoch für plausibel, dass sich durch eine intensive Nutzung von Touchscreens sogar die Gehirnstrukturen ändern.

Von Katrin Blawat

Virtuos wischt das Baby über den Touchscreen eines iPad - und erprobt die gleiche Handbewegung kurz darauf hartnäckig an einer Illustrierten. Das Internet-Video bringt einen zum Lachen ebenso wie zum Nachdenken: Wächst schon jetzt eine Generation heran, die mit normalen Zeitschriften nichts mehr anzufangen weiß? Haben wir uns schon so intensiv auf die neue Technik eingestellt?

Immerhin zeigen Umfragen: Das iPad hat die Zeitschrift abgelöst, die man klassischerweise während des Fernsehens durchblätterte. Passend dazu zeigen die Befragungen auch, dass viele Menschen das Gerät mehr als die Hälfte der Zeit im Liegen nutzen, etwa auf dem Sofa.

Wie sich das iPad aber darauf auswirkt, wie wir Informationen verarbeiten, können Forscher derzeit noch nicht sicher sagen. "Es klingt plausibel, dass sich durch intensive iPad-Nutzung Gehirnstrukturen ändern", sagt Uwe Oestermeier, der die Entwicklungsabteilung des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen leitet.

Doch sei es wenig überraschend, wenn einzelne Hirnregionen schrumpfen oder sich ausdehnen. Schließlich befindet sich das Gehirn in ständigem Umbau, beeinflusst von allen möglichen Umwelteindrücken und unserer Reaktion darauf. Zum Beispiel hinterlässt es bereits Spuren im Gehirn, wenn ein Rechtshänder zwei Wochen lang einen Gips am rechten Arm trägt und diesen daher nicht bewegt.

So verwundert es kaum, dass das Gehirn auf gedruckte Texte anders reagiert als auf solche im Internet. Letztere sind oft mit Links, Seiten-Navigation und Werbung angereichert. Vereinfacht gesagt, aktiviert das Lesen eines gedruckten Textes den bisherigen Studien zufolge lediglich jene Hirnareale, die man zum reinen Lesen braucht. Andere Regionen, etwa solche zur Verarbeitung optischer Reize oder zur Entscheidungsfindung, sind dabei nicht aktiv. Das erleichtert es, sich ungestört in einen 700-Seiten-Roman zu vertiefen.

Im Internet präsentierte Texte hingegen aktivieren mehrere Hirnregionen gleichzeitig. Wer im Netz einen Text liest, dessen Gehirn ist zugleich auch für optische Reize sensibilisiert - und darauf, Entscheidungen zu treffen. "Das kann positiv sein, wenn man Text nicht nur aufnehmen, sondern sich zum Beispiel eine eigene Hypothese bilden will", sagt der Psychologe Peter Gerjets vom IWM.

Auch von Touchscreens ist bekannt, dass sie die Aufmerksamkeit anders fordern als gedruckte Texte. "Die visuelle Wahrnehmung wird wichtiger, dafür tritt das reine Lesen in den Hintergrund", sagt Gerjets. Einen weiteren Aspekt gilt es zu erforschen: Wie wirkt sich die Wisch-Bewegung der Finger aus - jene Geste, die so einfach ist, dass sogar Babys sie beherrschen?

"Wir wissen, dass Gesten und Gedanken zusammenhängen", sagt Gerjets. Beispielsweise verbinden Menschen in westlichen Kulturen eine Handbewegung von rechts nach links eher mit der Zukunft, eine Geste von unten nach oben eher mit einer Steigerung. Wie sich diese Zusammenhänge auf unser Verständnis von Informationen auswirken, die wir aus dem iPad gewonnen haben, ist aber noch unklar.