Gefährliche Ostsee "Badeverbote werden bewusst ignoriert"

Badeverbot am Timmendorfer Strand - viele kümmert es nicht

(Foto: dpa)

Baden in der Ostsee ist derzeit lebensgefährlich, mehrere Schwimmer ertranken in den vergangenen Tagen. Hohe Wellen, Wind, gefährliche Brandung - dennoch gehen die Leute unbesorgt ins Wasser. Thies Wolfhagen von der DLRG über missachtete Warnungen.

Von Christoph Behrens

Am vergangenen Wochenende starben 18 Menschen bei Badeunfällen, allein in der Ostsee ertranken mindestens sieben. Thies Wolfhagen ist Landesgeschäftsführer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft in Schleswig-Holstein. Die Rettungsschwimmer beobachten ein zunehmend riskantes Verhalten der Badegäste.

SZ.de: Steigt die Zahl der Badeunfälle in diesem Jahr erneut?

Thies Wolfhagen: Im vergangenen Jahr sind erstmals seit 2006 mehr Menschen als im Vorjahr ertrunken, insgesamt 446 Personen. Wir befürchten, dass sich der Trend 2014 fortsetzen könnte. An den Seen und Flüssen ist die Lage konstant, aber besonders in der Ostsee gibt es dieses Jahr deutlich mehr Badeunfälle als sonst.

In Mecklenburg-Vorpommern ertranken allein am Wochenende sechs Menschen, auch in Schleswig-Holstein gab es tödliche Unfälle. Warum ist die Ostsee gerade so gefährlich?

Wir haben es momentan mit starken Winden mit Stärken von fünf bis sechs und einer gefährlichen Brandung zu tun. Das ist jetzt schon seit 14 Tagen so und hat die Zahl der Einsätze nach oben katapultiert. Es passiert jeden Tag etwas.

Mit Wind und Wellen sollte doch eigentlich rechnen, wer im Meer schwimmen geht ...

Das sind schon ziemlich mächtige Wellen, die da auf den Strand rollen. Zugleich entsteht eine Unterströmung, die Sie aufs Meer rauszieht. Die Leute verlieren den Boden unter den Füßen - buchstäblich.

Die DLRG und andere Rettungsorganisationen warnen davor, ins Wasser zu gehen. Finden Sie kein Gehör?

Unsere Badeverbote werden bewusst ignoriert. Die Leute setzen sich einfach darüber hinweg. Häufig ist die Einstellung: Jetzt bin ich schon im Urlaub, da möchte ich auch was von der Ostsee haben. Ein wirkliches Risikobewusstsein besteht nicht, die Gefahr wird verdrängt.

Wie versuchen Sie gegenzusteuern?

Wir können nur präventiv arbeiten, mit Lautsprecherdurchsagen warnen, rote Fahnen aufstellen. Wir können aber niemanden zwingen, an Land zu bleiben.

Die meisten Menschen ertrinken in Deutschland nicht im Meer, sondern in Seen und Flüssen. Lauert die wahre Gefahr also ganz woanders?

Die Menschen ertrinken vor allem in unbewachten Binnengewässern. An der Ostsee hatten wir in den vergangenen zwei Wochen 50 erfolgreiche Rettungen. Da sind wir präsent und können eingreifen. Viele kleinere Gewässer werden aber nicht bewacht - hier sollten die Kommunen für geeigneten Schutz sorgen. Und wir beobachten, dass die Schwimmfähigkeit in der Bevölkerung abnimmt. Mehr als 20 Prozent aller Erwachsenen sind Nichtschwimmer. Und nur noch jedes zweite Kind kann am Ende der Grundschulzeit gut schwimmen.

Es ertrinken viel mehr Männer als Frauen. Haben die Männer das Schwimmen verlernt?

Besonders ältere Männer überschätzen sich. Manche sind durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbelastet. Aber meist sind Männer einfach risikobereiter. Da fühlt sich der rüstige 60-Jährige oft wie ein 30-Jähriger und handelt entsprechend riskant. Die Frauen schätzen ihre Fähigkeiten offenbar besser ein.

Wann wird sich die Lage an der Ostsee wieder entspannen?

Zum Wochenende hin rechnen wir mit gemäßigterem Wetter. Hoffentlich haben wir dann auch weniger Einsätze.