Geburtenrate Das Märchen von der leeren Wiege

Das Aussterben wird vorerst vertagt: Die Geburtenraten in den Industriestaaten steigen wieder. "Die Angst vor extrem niedrigen Geburtenraten, die seit den neunziger Jahren aufkam, ist unbegründet", sagt Joshua Goldstein vom Max-Planck-Institut für Demographie.

Von Felix Berth

Demographie ist eine Wissenschaft für Menschen, die sich gern ein bisschen gruseln. Eine Katastrophe ist schnell vorhergesagt, wenn sich die Zahl der Menschen auf der Welt ändert: Werden es mehr, muss man diesen Trend nur weit genug in die Zukunft fortschreiben - und schon erkennt man die "Bevölkerungsexplosion". Werden es weniger, ist das auch nicht besser, nun droht auf lange Sicht die Entvölkerung.

Erstaunlicherweise schließen sich beide Ängste in der öffentlichen Debatte nicht aus: Man kann sich gleichzeitig vor dem einen wie dem anderen fürchten, worauf ein Cartoon aus den neunziger Jahren hinweist. Da halten zwei gleichaussehende Herren Plakate hoch - auf dem einen steht: "Weltuntergang wegen Bevölkerungsexplosion!" Und auf dem anderen: "Weltuntergang wegen Geburtenrückgang!"

Joshua Goldstein ist einer der Demographen, die das mit dem Grusel nicht so wichtig finden. Er kam vor zwei Jahren von der US-Universität Princeton nach Rostock, um dort mit James Vaupel das Max-Planck-Institut für Demographie zu leiten. Nun legt Goldstein einen Aufsatz vor, der für Debatten sorgen wird ("The End of Lowest-Low Fertility?" Population and Development Review, Dezember 2009).

Goldstein tut darin etwas, was Demographen in Deutschland bisher selten tun: Er gibt Entwarnung. "Die Angst vor einer Bevölkerungsimplosion, die während der extrem niedrigen Geburtenraten der neunziger Jahre aufkam, ist unbegründet", lautet sein Fazit.

Von extrem niedrigen Geburtenraten sprechen Demographen, wenn Frauen im Schnitt weniger als 1,3 Kinder bekommen. Früher gab es das allenfalls in Kriegszeiten. Doch in den letzten Jahren schien sich das Phänomen auszubreiten: Italien, Spanien und Griechenland waren unter den Ländern mit extrem niedriger Fertilität. Hongkong und Singapur zählten dazu, auch Russland, die Ukraine, Tschechien und der östliche Teil Deutschlands. In Westdeutschland dagegen blieb die Geburtenrate stets knapp über dieser Marke.

Appell des Papstes

Diese Trends riefen Verunsicherung hervor. Würde die Rate immer weiter sinken? Drohte eine "Kultur der niedrigen Fertilität", wie der Demograph Wolfgang Lutz vermutete: Weil die Geburtenraten sinken, verschwinden Kinder aus dem Alltag; große Familien kommen etwa in Fernsehserien nicht mehr vor.

Dieser Wandel kultureller Normen lässt den Kinderwunsch weiter sinken, was die Geburtenrate wieder drückt - eine Spirale nach unten. Sogar der Papst griff solche Ängste auf: "Europa will anscheinend kaum noch Kinder", sagte er an Weihnachten 2006; es scheine "sich von der Geschichte verabschieden zu wollen".

Joshua Goldstein zeigt jedoch, dass die Zeiten der extrem niedrigen Geburtenraten vorbei sind. Hatten im Jahr 2003 noch 21 Länder eine Geburtenrate unter 1,3, waren es im Jahr 2008 nur noch fünf. Vier davon liegen in Asien, ein letztes, Moldawien, in Europa. In allen anderen Staaten deuten die Kurven nach oben, nicht steil zwar, aber eindeutig: "Zum ersten Mal seit dem Babyboom in den sechziger Jahren nehmen die Geburtenraten gleichzeitig in den entwickelten Ländern rund um die Welt zu", stellt Goldstein fest. Zum Beispiel in Spanien: Lag die Geburtenrate im Jahr 1996 noch bei 1,19, stieg sie bis 2007 allmählich auf 1,39. In fast allen Ländern hatte der Trend diese Richtung, mal schwächer wie in Italien, mal stärker wie in Ostdeutschland (1994: 0,77 Kinder pro Frau, 2008: 1,40 Kinder pro Frau).

Goldstein wäre ein schlechter Demograph, wenn er nun in Jubel über den Kindersegen ausbräche. Denn er weiß, dass die Geburtenrate ein miserabler Indikator ist: Ihr Abwärtstrend in den neunziger Jahren war zum Teil ein Messfehler; auch der gegenwärtige Trend nach oben hat nur teilweise mit dem Verhalten der Menschen zu tun. Die Geburtenrate wird stark verzerrt, wenn Frauen ihre Kinder später kriegen, etwa weil ihre Ausbildung länger dauert.

Ein Rechenbeispiel: Im Jahr 2005 bekommen 19 von tausend Frauen Kinder. Die Demographen errechnen mit ihrer mathematischen Formel eine Geburtenrate von 1,4. Wenn im Jahr danach nur eine der 19Frauen das Kinderkriegen auf später verschiebt, sinkt die Rate schon auf 1,3. Holt sie im übernächsten Jahr das Kinderkriegen nach, steigt die Geburtenrate plötzlich auf 1,5. Letztlich hat sich die Zahl der Kinder pro Frau aber nicht geändert.

Genau das, argumentiert Goldstein, sei im letzten Jahrzehnt geschehen: Erst sanken die Raten, weil die Frauen das Kinderkriegen hinauszögerten. Dieser Trend sei inzwischen stark gebremst, weshalb die Kurven nicht mehr abwärts zeigten. Parallel dazu stellt Goldstein fest, dass die Politik wirkt: Alle Länder mit niedrigen Geburtenraten wollen inzwischen politisch gegensteuern. Manchmal, zum Beispiel in Japan, scheint dies zu scheitern. In anderen Fällen zeigen sich jedoch Erfolge: In Estland beispielsweise verbesserte ein neues Elterngeld die Situation der jungen Paare deutlich und ließ die Geburtenzahlen steigen.

Auch in Spanien und Australien wird der Einfluss der Politik sichtbar - wobei natürlich die Frage nach dem Zeitpunkt bleibt: Kommen dank Familienförderung tatsächlich mehr Babys zur Welt - oder gibt es auch hier einen "Tempo-Effekt", weil Paare ihren Kinderwunsch einfach früher erfüllen?

Beantworten lässt sich das erst nach ein paar Jahrzehnten; Goldstein nimmt jedoch an, dass politische Entscheidungen und wirtschaftliche Lage durchaus Einfluss haben. Er erwartet, dass die Frauen in den Ländern mit sehr niedriger Fertilität letztlich im Schnitt nicht 1,3, sondern zwischen 1,5 und 1,8 Kinder bekommen werden.

Nimmt man das ernst, fällt die demographische Katastrophe aus. Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes für eine Geburtenrate von 1,6 jedenfalls lesen sich nicht dramatisch: Im Jahr 2030 würden in Deutschland etwa so viele Menschen leben wie heute. Der Anteil alter Menschen stiege maßvoll. Und verblüffenderweise kämen auf einen Erwachsenen sogar mehr Kinder und Jugendliche als heute. Die Deutschen, so kann man mit Goldstein annehmen, sterben so schnell nicht aus.