Fukushima-Katastrophe Japans Atomaufsicht kannte Tsunami-Gefahr

Die japanische Atomaufsicht und Kraftwerksbetreiber Tepco wussten um die Tsunami-Gefahr: Nach langem Feilschen haben sie 2006 die Sicherheitsvorschriften verschärft, demnächst sollten die Meiler überprüft werden. Nur: Der Tsunami kam den Behörden zuvor.

Von Christoph Neidhart und Paul-Anton Krüger

Japans Atomaufsichtsbehörde war sich der Gefahr eines Tsunamis bewusst. Das wurde am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Tokio deutlich. Das havarierte Kernkraftwerk Fukushima 1 stand kurz vor einer Überprüfung. Dabei hätte die Tsunami-Sicherheit getestet werden sollen, wie auch die anderer Atommeiler in Japan, räumte der Sprecher des japanischen Amtes für Nuklearsicherheit, Hidehiko Nishiyama, ein. Eine Prüfung auf Erdbebensicherheit hatte bereits stattgefunden.

Die seinem Amt übergeordnete Kommission für Nuklearsicherheit hatte nach langem Feilschen im Jahr 2006 die Sicherheitsvorschriften verschärft. Allerdings sind diese schwammig formuliert: Demnach muss ein Kernkraftwerk auch einem der seltenen, sehr hohen Tsunamis standhalten. Für die nordostjapanische Küste sind für die Jahre 896, 1500, 1896 und 1933 Killer-Tsunamis nachgewiesen; ihre Flutwellen waren zum Teil noch höher als die am 11.März.

Am Montag hatte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Yukiya Amano, die Betreiberfirma Tepco erstmals für die Havarie der Reaktoren verantwortlich gemacht. "Im Nachhinein betrachtet, waren die Sicherheitsmaßnahmen, die der Betreiber ergriffen hat, nicht ausreichend, um den Unfall zu verhindern", kritisierte der Japaner in Wien. Bisher hatte er die Position vertreten, der Unfall sei durch eine nicht vorhersehbare Naturkatastrophe ausgelöst worden, nicht durch menschliches Versagen oder Konstruktionsfehler. Laut Tepco war Fukushima 1 für eine Flutwelle von 6,50 Metern Höhe ausgelegt gewesen, die deutlich überschritten wurde.

Amano fügte hinzu, die Sicherheit von Atomkraftwerken müsse weltweit gestärkt werden. Man könne jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Krise habe enorme Auswirkungen auf die Nutzung der Atomenergie.

Versäumnisse der Regierung?

In Tokio wurden auch mögliche Versäumnisse der japanischen Regierung offenbar. Der Sprecher der Atomaufsicht erklärte, an Reaktor 1 sei bereits 56 Minuten nach dem Erdbeben der Strom komplett ausgefallen. Schon um 16.36 Uhr an jenem Freitag, keine zwei Stunden nach dem Beben, sei klar gewesen, dass es nicht möglich war, Kühlwasser in den Reaktorkern zu pumpen. Wenn ein Reaktor mehr als sieben Stunden lang nicht gekühlt werde, nehme er Schaden. Daher habe sein Amt schon am Freitagnachmittag den nuklearen Notstand erklärt. Kurz nach Mitternacht entschied man, radioaktiven Dampf aus dem Block abzulassen, um den Druck zu mindern. Unklar ist, warum die Regierung in Tokio trotzdem bis Samstagabend damit wartete, öffentlich den nuklearen Notstand zu erklären - und damit viel Zeit verlor.

Tepco kündigte am Dienstag an, bis Ende April werde die Firma den 80.000 Evakuierten aus der Sperrzone erste Entschädigungen zahlen. Sie sollen die Kosten für die medizinische Versorgung und die Unterbringung decken, ebenso die Einkommensausfälle. Über die Höhe der Zahlungen war zunächst nichts zu erfahren. Neun Gemeindeverwaltungen erhielten bereits jeweils umgerechnet knapp 190.000 Euro von der Firma.

An der Kraftwerksruine begann Tepco damit, 11,5 Millionen Liter schwach radioaktives Wasser aus Lagertanks in den Pazifik zu leiten, um Platz für stark kontaminiertes Wasser zu schaffen. Südkorea zeigte sich besorgt, Japans Atomaufsicht hatte die Notfallmaßnahme aber genehmigt. In den Reaktor- und Turbinengebäuden und Service-Tunnels der Blöcke 1, 2 und 3 stehen insgesamt 60 Millionen Liter zum Teil stark belastetes Wasser. Um die Kühlsysteme der Reaktoren wieder in Betrieb nehmen zu können, muss das Wasser abgepumpt werden. Nishiyama versprach, sein Amt bemühe sich, dass nicht noch mehr Wasser ins Meer verklappt werden müsse.

Erstmals wurde am Montag erhöhte Radioaktivität in Fischen nachgewiesen. Proben von Sandaalen, die 80 Kilometer von Fukushima entfernt gefangen wurden, wiesen 4080 Becquerel Jod-131 pro Kilogramm auf, eine weitere Probe ergab erhöhte Cäsiumwerte. Bisher gab es in Japan keine Grenzwerte für Meerestiere, nun setzte die Regierung die Obergrenze wie schon bei Gemüse auf 2000 Becquerel Jod-131 pro Kilo fest.

Die EU-Kommission will nach heftiger Kritik von Verbraucherschützern die Strahlen-Grenzwerte für Nahrungsmittel aus Japan deutlich verschärfen. Eine entsprechende Initiative kündigte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Dienstag in Straßburg an.