Fukushima-1: Fragen und Antworten Wie gefährlich die Lage im Krisen-AKW ist

Wie konnte das passieren? Ausgerechnet das Erdbebenland Japan setzt massiv auf Atomstrom - und die Anlagen sind für große Naturkatastrophen offenbar nicht gerüstet. Wie es zu der Krise in Fukushima-1 kommen konnte, wie groß die Gefahr auch für Deutschland ist:

Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie begann alles? Das Erdbeben in Japan führte nach Angaben des Atomkraftwerkbetreibers Tepco dazu, dass am Freitag die Turbinen und Siedewasserreaktoren von drei der sechs Blöcke des Kraftwerks automatisch abgeschaltet wurden. Dieselgeneratoren sprangen an, die die Reaktoren mit Strom versorgten. Diese allerdings fielen nach etwa einer Stunde aus - wahrscheinlich durch den Tsunami, der in der Umgebung des Kraftwerks schwere Überschwemmungen verursacht hat.

Was hat es mit den Batterien auf sich? Fukushima-1 kann eine Zeitlang ohne Stromzufuhr arbeiten - weil der Reaktorkern durch Dampf gekühlt wird, der nicht mit Strom generiert wird, schreibt die angesehene US-Organisation "Union of Concerned Scientists" (UCS). Allerdings sind dafür zumindest Batterien nötig, um die Ventile zu steuern, ansonsten liefert das System kein Kühlwasser mehr an den Reaktorkern. Nach einem Bericht der Wirtschaftsagentur Bloomberg haben die Batterien acht Stunden Laufzeit - die Behörden hätten daher sechs zusätzliche Batteriesätze organisiert, die zu dem Atomkraftwerk gebracht werden sollten. Wie es um die Batterien steht, ist zur Stunde unklar.

Wieso war der Stromausfall in Fukushima-1 so dramatisch? Er führt "zu einer der gefährlichsten Situationen, die ein Atomkraftwerk treffen kann: einen Station-Blackout, bei dem sowohl die Stromversorgung von außerhalb als auch die Notsysteme nicht mehr funktionieren", schreibt die UCS. Denn ohne Strom laufen die Motoren, Ventile und anderen Instrumente nicht mehr, die den Reaktorkern mit Kühlwasser versorgen. Ohne Kühlung überhitzen die Brennstäbe im Reaktor - es droht die Kernschmelze.

Was passiert bei einer Kernschmelze? Die Brennstäbe erhitzen sich übermäßig und werden beschädigt. Sie können ineinander schmelzen, die atomare Kettenreaktion ist am Ende nicht mehr durch Neutronenabsorber zu kontrollieren. Es entsteht mehr Strahlung und Hitze, als die Anlage ausgelegt ist - dann spricht man vom größten anzunehmenden Unfall (GAU). In Fukushima-1 ist die Radioaktivität 20-mal so hoch wie normal.

Wie schnell geht das alles? Wenn das Kühlwasserniveau so weit falle, dass die Spitzen der Brennstäbe freiliegen, beginne der Schaden am Reaktorkern innerhalb von 40 Minuten, zitieren die Wissenschaftler von UCS aus einem technischen Dokument, das die Umweltorganisation "Green Action in Japan" übersetzt hat. Weitere 90 Minuten später werde das Reaktorgefäß beschädigt.

Wird die Umgebung bei einer Kernschmelze verseucht? Der Kern wird im Zweifelsfall so heiß, dass die Schmelzmasse sich durch die Stahlwände des Reaktorgefäßes frisst - eine große Menge Radioaktivität gelangt in das Schutzgebäude rund um das Reaktorgefäß. Alles kommt dann darauf an,wie stabil dieses ist. Weil der Druck im Reaktorkern durch die überhitzten Brennstäbe steigt, kann die Hülle beschädigt werden, wenn sie es durch das Erdbeben nicht ohnehin ist. Dann kann Strahlung austreten. Wenn dies passiert, wird dies als Super-GAU bezeichnet. Um den Druck zu vermindern, können die Betreiber Druck aus dem Reaktorkern ablassen, wobei allerdings auch Strahlung entweicht. Tatsächlich ist um Fukushima-1 radioaktives Cäsium entwichen.

Was bedeutet der Kollaps der Außenhülle des Kraftwerksblocks? Die Außenhülle ist nicht die Reaktorhülle, Strahlung gelangt dadurch noch nicht zwingend in die Umgebung - aber die Explosion in dem Gebäude und der folgende Zusammenbruch zeigen, wie labil die Situation ist. Die japanische Regierung nennt die Lage "sehr ernst".

Was hat die Explosion ausgelöst? Nach Ansicht von Experten ist der wahrscheinlichste Grund, dass sich durch das Absinken des Kühlwasserstandes in dem Siedewasserreaktor Wasserstoff gebildet, der in das Reaktorgebäude ausgetreten sei. Dort habe sich der Wasserstoff beim Kontakt mit Sauerstoff entzündet und die Explosion verursacht.

Kann eine mögliche Kernschmelze noch verhindert werden? Der an der Küste liegende Reaktor soll nun mit Hilfe von Meerwasser gekühlt werden. Diesem werde Borsäure beigemischt, um kritische Entwicklungen zu vermeiden. Allerdings sieht der Chef der Atomaufsicht in Deutschland, Wolfgang Renneberg, keine Chance mehr, die Lage unter Kontrolle zu bringen. "Das ist das klassische Szenario, das den sogenannten Super-GAU umschreibt", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Kühlung des Reaktors sei offenkundig nicht mehr möglich.

Wie groß ist das mögliche Verseuchungsgebiet? Das Gelände in zehn Kilometer Umkreis um das Kraftwerk wurde evakuiert - das reicht nach Angaben der japanischen Behörden. Weitere Schritte seien nicht nötig. Dies gilt allerdings nur, wenn die Schutzhülle um den Reaktorkern hält. Anderenfalls ist eine weitere Verseuchung nach Angaben von Umweltschutzorganisationen keineswegs auszuschließen. Greenpeace weist darauf hin, es komme unter anderem auf das Wetter an. Wenn es regne, könnten strahlende Partikel im näheren Umkreis des Kraftwerks zu Boden gespült werden - bei Wind und gutem Wetter dagegen könnten sie weit davongetragen werden. Derzeit weht leichter Wind in Richtung Pazifik.

Ist Deutschland gefährdet? Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) schließt eine Gefährdung "praktisch aus" - vor allem wegen der großen Entfernung und weil in Japan der Wind vom Festland auf den Pazifik wehe statt in westliche Richtung.

Der Tag nach dem Tsunami - Bilder der Katastrophe

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