Fruchtbarkeit Männer produzieren weniger Spermien

Das Phänomen ist nicht dramatisch, aber ungeklärt. Forscher rätseln, ob Umweltgifte, Krankheiten oder Strahlen verantwortlich sind.

Von Werner Bartens

Was für eine Verschwendung! Abermillionen Spermien machen sich auf den Weg zur Eizelle, um sie zu befruchten - aber nur eines erreicht sein Ziel. Bei Mehrlingsschwangerschaften sind zwar immerhin ein paar beteiligt, der große Rest stirbt aber auch unverrichteter Dinge ab. Ob es deshalb tatsächlich ein Problem ist, wenn die Spermienzahl deutlich abnimmt? Immerhin bewegt sie sich ja immer noch im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich.

Mediziner aus Jerusalem und New York um Hagai Levine haben die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte analysiert und stellen einen bemerkenswerten Rückgang der Spermienzahl fest. In ihre Metaanalyse im Fachmagazin Human Reproduction Update haben sie 185 Studien einbezogen und berichten von einer Verringerung der Samenzellen seit 1973 im Bereich zwischen 50 und 60 Prozent. Dieser Trend sei in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland zu beobachten. Bei Männern aus anderen Weltregionen wie Südamerika, Asien und Afrika wurden hingegen keine solch signifikanten Trends entdeckt.

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Demnach ging die Konzentration der Spermien pro Milliliter Sperma um insgesamt 52,4 Prozent zurück. Die Gesamtanzahl der Spermien pro Samenerguss ist im gleichen Zeitraum um 59,3 Prozent gesunken. "Angesichts der Bedeutung der Spermien für die männliche Fruchtbarkeit und die menschliche Gesundheit ist diese Studie ein dringender Weckruf für Forscher und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt", so Levine.

Andere Wissenschaftler sehen die Lage für den Mann nicht ganz so bedrohlich. "Keine Panik! Der Mann stirbt nicht aus. Die Männer in den westlichen Industrienationen haben immer noch rund 47 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat", sagt Stefan Schlatt, Chef der Reproduktionsmedizin an der Universität Münster. "Das ist schon eine stolze Zahl; damit ist der Mann sehr fertil."

Die Weltgesundheitsorganisation nennt als Referenzwert für Unfruchtbarkeit beim Mann eine Spermienzahl von 39 Millionen pro Ejakulat oder eine Konzentration von 15 Millionen Spermien je Milliliter Ejakulat. "Nur eine kleine Gruppe von Männern unterschreitet diese Zahl mit der Zeit, aber das ist nicht bedenklich", sagt Schlatt. "Das eigentliche Problem für die Fruchtbarkeit von Paaren ist das Alter - jedoch nicht das Alter des Mannes, sondern das der Frau."

"Die Funktionalität der Spermien, ihre Beweglichkeit, aber auch morphologische Veränderungen wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt", gibt auch der Zellbiologe Artur Mayerhofer von der Ludwig-Maximilians-Universität München zu bedenken. "Ob sich aus den Daten daher ableiten lässt, dass Männer wirklich unfruchtbarer geworden sind, bleibt offen."

Seit Jahren wird über die vermeintliche Fruchtbarkeitskrise des Mannes diskutiert und immer wieder der Untergang unserer Spezies beschworen, allerdings mit wenig seriösen Belegen. "Die in dieser Arbeit gut dokumentierte Abnahme der Spermienzahl ist keine Überraschung, weil eine Vielzahl von Berichten seit Jahrzehnten dazu vorliegen", sagt Mayerhofer. Womöglich weist sie trotzdem auf ein Problem hin, denn ebenfalls seit Jahrzehnten zeichnet sich dieser Trend ab.

Hodentumoren, Umwelteinflüsse und andere Faktoren könnten zur sinkenden Quantität beitragen. Vieles bleibt aber im Bereich der Spekulation. "Die Interpretation dieser Meta-Analyse lässt jedenfalls keine Aussage zu, welcher kausale Zusammenhang besteht", sagt Stefan Schlatt. "Das Handy in der Hosentasche, endokrine Disruptoren aus der Umwelt, Acetylsalicylsäure im Schmerzmittel, ein anderer Hormonstoffwechsel wegen Übergewicht oder der Missbrauch von Hormonen für den Muskelaufbau: All das steht im Verdacht, Ursache für weniger Spermien zu sein." Es geht vermutlich um das komplexe Zusammenspiel mehrerer Faktoren. "Außer vielleicht beim Rauchen: Das ist definitiv schlecht für die Spermienzahl; das ist wissenschaftlich gesichert", so Schlatt.

Trotzdem scheint in den westlichen Industrienationen etwas zu passieren, das dazu führt, dass die sensiblen Hoden schlechter Spermien produzieren. "Der Trend hat sich in den vergangenen Jahren stabilisiert; das zeigt die Studie", sagt Schlatt. "Man muss die Lebensumstände ernst nehmen." Ob es an der Qualität der in die Metaanalyse einbezogenen Studien lag oder tatsächlich an den Lebensumständen, dass in Studien mit Männern aus anderen Weltregionen keine Unterschiede zu früher festgestellt wurden, bleibt offen.

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