Europäische Überwachungstechnologie Werkzeug für Diktatoren

Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit fördert die EU ein Kontrollsystem mit Kameras, Drohnen, Gesichtserkennung, Bildanalyse und der Überwachung von Webseiten. Es soll selbständig "abnormales Verhalten" von Menschen erkennen. Kritiker betrachten es als Gefahr für die Gesellschaft: In der Hand eines Diktators könnte damit jede Opposition im Keim erstickt werden.

Von Christoph Behrens

Ein Mann stiehlt einer Frau die Handtasche. Doch er kommt nicht weit, eine Kamera hat ihn beobachtet und ein Computer seine Bewegungen analysiert. "Taschendieb", erkennt das System, denn er hat plötzlich die Richtung gewechselt und rennt - ein abnormales Verhalten. Die Polizei lässt Drohnen aufsteigen, die dem Dieb folgen und sein Gesicht scannen. Automatisch sucht eine Software im Internet nach weiteren Informationen und findet den Wohnort. Als er zu Hause ankommt, wartet bereits die Polizei.

Diese Vision könnte wahr werden, sollten Forscher das EU-Projekt "Indect" wie geplant in die Tat umsetzen. Ausgeschrieben und auf Deutsch steht es für "Intelligentes Informationssystem zur Überwachung, Suche und Detektion für die Sicherheit der Bürger in urbaner Umgebung".

Verschiedene Überwachungsmittel wie Kameras, Drohnen, Gesichtserkennung und Bildanalyse wollen die Wissenschaftler zusammenschalten, ebenso wie "Webseiten, Diskussionsforen, Usenet-Gruppen, Dateiserver, Netzwerke und individuelle Computersysteme". Gemäß der Internetseite von Indect fördert die EU das Projekt bis 2013 mit fast elf Millionen Euro.

Neben der Krakauer Uni beteiligen sich die Universität Wuppertal und weitere neun europäische Hochschulen sowie Polizeiapparate und Überwachungstechnik-Hersteller, die so öffentliche Gelder bekommen. Das Ziel: ein "großes, netzwerkorientiertes Sicherheitssystem", um "abnormales Verhalten" frühzeitig zu erkennen.

Stephan Urbach von der Piratenpartei sieht in Indect eine Gefahr für die Gesellschaft. "Die bunte Gesellschaft wird so zu einer grauen Masse, jeder soll da irgendwie reingedrückt werden", klagt Urbach. Er nennt Indect eine "Gedankenpolizei".

Der Vergleich mit dieser von George Orwell erfundenen Behörde ist jedoch falsch. Denn während in dem Buch "1984" Menschen am anderen Ende der sogenannten Televisoren sitzen, beobachtet bei Indect eine Software, wie sich die Menschen verhalten. Die derzeitigen Kameras in Bahnen und Städten dienten vor allem der Reproduktion von Vorfällen, sagt Urbach, keiner starre da permanent drauf. "Aber eine Maschine kann alle Bürger zu jedem Zeitpunkt erfassen."

Man kann sich Indect vorstellen wie einen allwissenden, künstlichen Polizisten. Seine Augen, das sind Überwachungskameras und fliegende Drohnen, die die deutsche Firma Innotec Data derzeit eigens entwickelt. Sie können etwa Autos durch die Stadt verfolgen. Die Ohren sind zugehörige Mikrofone, die auf Schreie oder Explosionen horchen. Den Instinkt des Polizisten simuliert Indect, indem es gefährliche Situationen und merkwürdiges Verhalten automatisch erkennt.

Der wichtigste Bestandteil des künstlichen Polizisten ist jedoch sein Gehirn. Wie ein menschlicher Kollege kann er sich Gesichter einprägen - etwa von Vorbestraften - und wiedererkennen. Testweise soll hierzu eine biometrische Datenbank aufgebaut werden. Menschlichen Kollegen ist der künstliche Polizist hierbei deutlich überlegen. Er kann eine weitere Quelle anzapfen: das Internet.

"Zusammenhänge über Blogs, Foren oder andere Internetseiten zu erkennen, ist ein Schlüsselfaktor", schreiben dazu beteiligte Forscher von der Universität York. "Denn so können unbekannte Beziehungen zwischen Menschen (wie bekannten Kriminellen) oder zwischen Menschen und Organisationen erkannt werden."