Die Niederlande und der Klimawandel Nah am Wasser gebaut

Ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Der aber soll aufgrund des Klimawandels noch steigen. Das Land der Deiche, Dämme und Wehre stellt sich nun weit vorausschauend darauf ein.

Von Petra Steinberger

Stan Fleerakkers, der Terpbauer, steht vor dem Hof und schaut über sein Land. Das Land liegt ein ganzes Stück unter ihm, sechs Meter, um genau zu sein. Und irgendwann, vielleicht nächstes Jahr, vielleicht aber auch erst in 100 oder 1000 Jahren, wird dieses Land um den Hof herum ein riesiger See sein. Eine Weile zumindest. "Ich habe Glück gehabt", sagt Fleerakkers, der Bauer, und das meint er ganz ernst. Er ist noch jung, aber längst wettergegerbt, er lebt hier mit seiner Frau Yvonne, drei Kindern und 85 Milchkühen.

Seit Februar dieses Jahres leben die Fleerakkers auf ihrem neuen Hof, haben einen modernen Stall und eine vollautomatische Melkmaschine. Alles wirkt frisch, geradezu jungfräulich: das aufgeschüttete Plateau, auf dem ihr Hof steht, und der Stall. Es ist verdammt heiß, und hier oben ist man der Sonne gnadenlos ausgesetzt - noch. Die Bäume sind klein, aber in ein paar Jahren wird es schon anders aussehen, dann wird alles eingewachsen, schattiger sein, sagt Fleerakkers. Denn das milde Klima hier, am Ufer der Maas, des größten Flusses der Niederlande, wird die Natur schnell aus ihrem Versteck herauslocken. "Wir haben Glück gehabt", sagen sie beide.

Stan Fleerakkers ist ein Terpbauer - das heißt, sein Hof liegt auf einem Terp, einem künstlich aufgeschütteten Hügel aus Sand und Erde. Und er ist Niederländer - er gehört also von Natur aus zu einem Menschenschlag, der gelernt hat, mit dem Wasser zu leben. Hier muss man sich ständig damit auseinandersetzen. Ähnlich wie es ein Bauer in den Alpen mit viel Schnee und Abgründen zu tun hat.

Das Wasser, wenn es eines Tages kommt, wird nicht allzu lange bleiben, sagen zumindest die Wasserbauingenieure. Es wird wieder abfließen - vielleicht sogar schon binnen weniger Stunden oder Tage. So ist das vorgesehen im großen Hochwasserplan der niederländischen Regierung. Aber das Korn, der Mais, das Gras, die Ernte werden dann vielleicht vernichtet sein. Stan Fleerakkers, der Bauer, weiß das natürlich. Und trotzdem: Er hat das Risiko bewusst in Kauf genommen. Das Risiko, erhöht und dennoch mitten in einem Polder zu leben, also in einer Retentionsfläche, die bei der nächsten großen Flut als Ausweichzone für das Wasser genutzt wird. Denn wenn er alles richtig gemacht hat, wird ihn die niederländische Regierung für seinen Verlust entschädigen.

Alles richtig gemacht? Auf einer Plattform mitten im klassischen Hochwassergebiet zu leben und dann noch mit einem Mehrverdienst seines Hofes zu rechnen? Jeder weiß doch, dass Hochwasser vermutlich in der Zukunft häufiger kommen, höher werden, größere Schäden anrichten . . .

Die Niederlande bestehen größtenteils aus einem riesigen Vier-Flüsse-Delta, sie haben über die Jahrhunderte immer mehr Land dem Meer abgerungen. Heute liegen 26 Prozent der Landfläche unterhalb des Meeresspiegels, 59 Prozent sind latent hochwassergefährdet, darunter jene Regionen, in denen 80 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet werden, sei es durch Industrie oder Landwirtschaft. Der Hochwasserschutz, ob am Meer oder an den vielen Flüssen, ist für jeden Niederländer essenziell. Und wie man damit umgeht, ist entscheidend für die Zukunft des Landes.

Alles richtig gemacht? Solche Fragen gibt es natürlich auch in Deutschland - und auch hier wird überlegt und geplant, wie man mit den in Zukunft wahrscheinlich häufiger werdenden Flutkatastrophen umgehen soll. "Seit der letzten Flut 2002 hat sich auch in Deutschland schon viel getan", wird einige Tage später Gerd Friedsam sagen, der Vizepräsident des Technischen Hilfswerks (THW). Das THW ist weltweit immer ganz vorne dabei, wenn es um Katastrophen- oder Notfallhilfe geht, Teams wurden nach New Orleans geschickt oder nach Bangkok. Und auch jetzt, während der Überflutungen in den letzten Monaten, waren THW-Fachleute vor Ort.