Bewusstsein im Wachkoma Aus der Tiefe des Gehirns

"Wir geben ihnen eine Stimme": Sind Menschen im Wachkoma bei Bewusstsein? Darüber lässt sich meist nur rätseln. Doch Neurologen ist es nun gelungen, mit einigen Patienten zu kommunizieren.

Von Patrick Illinger

Forschern ist es nach eigenen Angaben gelungen, mit Menschen zu kommunizieren, deren Körperfunktionen nahezu vollständig ausgefallen waren. Sie haben die Gehirnaktivität von Patienten in einer Art Wachkoma beobachtet, um einfache Antworten wie "ja" oder "nein" zu erhalten.

Ein 29-Jähriger, der seit Jahren weder sprechen noch sich bewegen kann, habe auf diese Weise auf einfache Fragen reagiert, berichten Ärzte der belgischen Universität Lüttich und der Universität Cambridge im New England Journal of Medicine.

Diese Nachricht weckt die Hoffnung, dass zumindest mancher Patient im sogenannten vegetativen Zustand, der einem Wachkoma entspricht, in Zukunft mit der Außenwelt in Kontakt treten kann. Die Ergebnisse beweisen nach Ansicht der Forscher, dass mancher für komatös gehaltene Patient tatsächlich bei Bewusstsein ist.

Auch könnte es gelingen, den Zustand solcher Patienten mit größerer Sicherheit zu diagnostizieren. "Wir geben ihnen eine Stimme und einen Weg, um zu kommunizieren", sagte der Neurologe Steven Laureya von der belgischen Universität Liège der Zeitschrift New Scientist.

Patienten im sogenannten vegetativen Zustand können zwar selbständig atmen, und auch körperliche Reflexe funktionieren, doch für die Außenwelt ist es schwer zu beurteilen, ob sie bei Bewusstsein sind. Denn außer den lebenserhaltenden Funktionen ist der Körper praktisch leblos.

Sie unterscheiden sich insofern stark von den sogenannten Locked-in-Patienten, die bei vollem Bewusstsein sind, aber auf Grund von Lähmungen der Außenwelt kaum etwas mitteilen können. Im vegetativen Zustand hingegen ist das Bewusstsein nur unvollständig aktiv oder auch ganz abgeschaltet.

Gehirnaktivität in Echtzeit

Den Grad der möglichen Aufmerksamkeit eines solchen Patienten zu erkunden, stellt Ärzte vor große Schwierigkeiten, denn das Schattenreich zwischen völligem Koma und aktivem Bewusstsein ist riesig. Grund für ein solches Wachkoma ist meist eine Schädigung des Großhirns. Ein Wachkoma kann viele Jahre bestehen bleiben, ohne dass die behandelnden Ärzte vorhersagen können, ob und wann der Patient wieder zu vollem Bewusstsein kommt.

Im Rahmen der nun veröffentlichten Studie, die parallel in Belgien und im britischen Cambridge durchgeführt wurde, haben die Neurologen 54 Patienten mit eingeschränktem Bewusstsein untersucht. Mit einer modernen Kernspin-Tomographie, bei der die Gehirnaktivität in Echtzeit beobachtet werden kann, erkundeten die Forscher, welche Patienten mit Hilfe ihrer Gehirnaktivität in der Lage waren, Absichten oder Wünsche zu äußern.

Im Ergebnis zeigte sich, dass immerhin fünf der 54 Versuchsteilnehmer nach einiger Übung fähig waren, ihre Gehirnaktivität so zu steuern, dass die "ja" und "nein" entsprechenden Antworten für die Experten am Monitor sichtbar wurden. Ein wichtiges Ergebnis ist, dass lediglich drei der fünf erfolgreich kommunizierenden Wachkoma-Patienten auch mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden als "bei Bewusstsein" eingestuft worden wären.

Zwei der nun erfolgreich "erweckten" Patienten wären mit den üblichen Diagnoseverfahren als komatös eingestuft worden. Dieses Forschungsergebnis dürfte nun dazu anregen, Wachkoma-Patienten sorgfältiger auf mögliche Zeichen von geistiger Aktivität zu untersuchen.

Bereits in einem früheren Experiment war es einem der auch diesmal beteiligten Forscher, Adrian Owen von der Universität Cambridge, gelungen die Gehirnaktivität einer Wachkoma-Patientin zu beeinflussen. Die Patientin wurde zum Beispiel gebeten, sich vorzustellen, sie spiele Tennis.

Daraufhin zeigte sich in den für Bewegungen zuständigen Gehirnarealen eine erhöhte Aktivität. Der große Erfolg der neuen Versuche mit Wachkoma-Patienten ist jedoch, den Patienten konkrete Antworten auf Fragen entlockt zu haben.

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