Besiedelung Europas Steinzeit-Jäger handelten mit Getreide

Ureinwohner Englands handelten vor 8000 Jahren mit Weizen

Ein Fund von Getreidespuren deutet darauf hin, dass steinzeitliche Jäger in Großbritannien bereits mit fortgeschritteneren Ackerbau-Kulturen in Südeuropa in Kontakt standen. Möglich wurde dies durch eine Landbrücke zwischen England und Frankreich. mehr...
  • Paläogenetiker haben vor der Küste Großbritanniens Spuren von 8000 Jahre altem Weizen gefunden.
  • Diese Region lag damals noch oberhalb des Meeresspiegels. Ackerbau war zu dieser Zeit aber erst in Südeuropa verbreitet. Der Fund ist daher rätselhaft.
  • Eine mögliche Erklärung ist, dass die Ureinwohner das Getreide importierten.
Von Hubert Filser

Es ist ein höchst ungewöhnlicher Fundort elf Meter tief im Meer vor der Küste Großbritanniens. Man würde erwarten, dass die Taucher dort, vor der Isle of Wight, am Bouldnor Cliff, vielleicht nach Schätzen eines gesunkenen Schiffs suchten. Stattdessen haben sie von dort unscheinbare Sedimentproben mitgebracht, die sich vor 8000 Jahren, als der Meeresspiegel deutlich tiefer lag, an der Mündung eines Flusses abgelagert hatten.

Doch diese Proben bergen einen wahren Schatz, wie spätere Erbgutanalysen des darin enthaltenen biologischen Materials zeigen. Paläogenetiker der Universität Warwick entdeckten im Sediment Spuren von 8000 Jahre altem, kultiviertem Weizen. So weit im Norden hatten die Archäologen für die Mittelsteinzeit keine Spuren von Einkorn erwartet, der frühesten von Menschen angebauten Weizenart (Science, Bd. 347, S. 998, 2015).

Der Weizen ist offenbar zweitausend Jahre früher auf der britischen Insel angekommen, als die Archäologen bislang annahmen, und vierhundert Jahre, bevor in Mitteleuropa die ersten Bauern nachweislich sesshaft waren und Felder bestellten. Vor 8000 Jahren bestand noch eine Verbindung zwischen dem europäischen Festland und der heutigen britischen Insel, sowohl Handel wie Migration waren also leicht möglich. Die Gletscher hatten sich nach der Eiszeit längst in den hohen Norden zurückgezogen. In den folgenden Jahrtausenden stieg der Meeresspiegel an, die Nordsee überflutete den Landweg.

Handelten die einheimischen Jäger mit südeuropäischen Bauern?

Ganze Küstenregionen versanken im Meer und mit ihnen die Reste der damaligen Zivilisation. Für Archäologen ist das eine große Chance, denn in gut zehn Metern Tiefe liegen vom Meeressediment geschützt Spuren aus der Frühgeschichte Europas begraben. Die Forscher konnten auch die einstige Küstenlandschaft rekonstruieren, sie war dicht bewaldet, es wuchsen vor allem Eichen, Apfelbäume, Buchen, Erlen, Pappeln, dazwischen gediehen Gräser und Kräuter. In den Wäldern lebten Wölfe, Auerochsen, Hirsche, Moorhühner und zahlreiche Nagetiere.

Vor 8000 Jahren ein Importgut?

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die größte Überraschung ist nun allerdings der Nachweis von Einkorn. Bislang gingen die Forscher davon aus, dass der für Ackerbau genutzte Weizen vom Nahen Osten aus vor allem über die Donau nach Mitteleuropa kam, manche Archäologen halten auch den Weg über das Mittelmeer Richtung Italien und sogar Spanien für denkbar. Die ältesten archäologischen Nachweise im heutigen Deutschland sind 7600 Jahre alt, je näher man der Nordseeküste kommt, umso jünger werden die Spuren.

Die Funde von Bouldnor Cliff sind nun aber älter, und die Implikationen weitreichend: Möglicherweise gab es Handelsbeziehungen zwischen den einheimischen Jägern und Sammlern und den frühen Bauern aus dem südlichen Europa. Das würde ein neues Licht werfen auf interregionale Beziehungen und dem entsprechenden Austausch von Wissen.